Annexion

01.08.1914 Italien erklärt sich für „neutral“

Rom * Italien erklärt sich für „neutral“, obwohl das Land am 20. Mai 1882 dem „Dreibund“ mit Deutschland und Österreich-Ungarn beigetreten war.  

Natürlich erwarten die „Mittelmächte“, dass sich Italien jetzt auf die Seite der „Bündnispartner“ stellt.  
Doch die italienische Regierung zögert, weil sie formal gesehen nicht gezwungen ist, in die kriegerischen Auseinandersetzung einzugreifen.  

Der „Bündnisvertrag“ sieht lediglich eine militärische Unterstützung für Österreich vor, wenn es von außen angegriffen wird.  
Da aber Österreich-Ungarn Serbien angegriffen hat, ist das militärisch nicht gut vorbereitete Land vom Krieg nicht besonders begeistert.

Der eigentliche Grund für die abwartende Haltung Italiens liegt jedoch in seinen Annexions-Ansprüchen.  

Das Land will nach einem siegreichen Krieg Gebietserweiterungen zugesprochen bekommen.  
Weil das aber zu Lasten des Habsburger-Reiches gehen würde, weigert sich Österreich dagegen.  

Die Mächte der „Entente“ treten den territorialen Expansionswünschen Italiens freilich von Anfang an aufgeschlossener gegenüber. 

15.08.1914 Das ganze „katholische Elsass“ soll an Bayern fallen

München * König Ludwig III. konfrontiert den „preußischen Geschäftsträger“ in München mit der Klage, dass Bayern im Krieg von 1870/71 zu schlecht weggekommen sei.  

So etwas darf nie wieder passieren.  
Der Krieg darf keinesfalls zu einer einseitigen Vergrößerung Preußens führen, da dadurch das staatliche Gefüge des „Reiches“ verschoben würde.  
Wenn Preußen durch „Annexionen“ wächst, dann müssen auch die anderen größeren Bundesstaaten, insbesondere Bayern, einen Ausgleich erhalten.  

Danach entwickelt er sein Konzept: eine Aufteilung des „Reichslandes Elsass-Lothringen“, bei der das ganze „katholische Elsass“ an Bayern fallen soll. 

06.06.1915 König Ludwig III. fordert einen deutschen Zugang vom Rhein zum Meer

Nürnberg * König Ludwig III. fordert in seiner sogenannten „Kanalrede“ - vor dem im Jahr 1891 gegründeten „Bayerischen Kanalverein“ - als „Kriegsziel“ für das Deutsche Reich einen „direkten Ausgang vom Rhein zum Meer“.  

„Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg befürchtet durch diese offen vorgetragene „Annexionspolitik“ des bayerischen Königs eine Verärgerung des neutralen Holland, weshalb die Forderung in der Veröffentlichung der „Bayerischen Staatszeitung“ abgeschwächt wird. 

08.06.1915 Die „Kanalrede“ König Ludwigs III. in abgeschwächter Form

Berlin * Auf Druck der „Reichsregierung“ unter Theobald von Bethmann Hollweg wird die „Kanalrede“ König Ludwigs III. nur in abgeschwächter Form abgedruckt.  

Forderte der Bayernkönig zwei Tage zuvor noch als Kriegsziel „einen deutschen Zugang vom Rhein zum Meer“, so ist jetzt nur mehr von einer „günstigeren Wasserstraßenverbindung von Mittel- und Süddeutschland zum Meer“ die Rede.

„Reichskanzler“ Bethmann Hollweg hatte eine Verärgerung des neutralen Holland durch die königlichen „Annexionspläne“ befürchtet. 

16.06.1915 Ludwig III. über die Flaumacherei und Schlappheit verärgert

München - Berlin * König Ludwig III. teilt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg mit, er sei „scharf verstimmt“ über die „Flaumacherei und Schlappheit“ der deutschen Außenpolitik.

Man soll in Berlin keinesfalls seine Energie und Willenskraft in der Annexionsfrage unterschätzen. 

06.04.1917 Gründung der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei - USPD“ in Gotha

Gotha * Die in Gotha bis zum 8. April stattfindende zweite „Reichskonferenz der sozialdemokratischen Opposition“ wird zum „Gründungsparteitag“ der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - USPD“

In der neuen Partei finden sich Sozialdemokraten verschiedenster Couleur wieder:

  • Revolutionäre Marxisten wie die „Gruppe Internationale“, die im Krieg die prognostizierte Krise des Kapitalismus sieht und auf revolutionäre Aktionen drängt;
  • pazifistisch gesinnte Sozialdemokraten, die im Weltkrieg einen Angriffskrieg Deutschlands sehen und sich diesem aus ethischen und moralischen Gründen verweigern;
  • daneben Revisionisten,
  • aber auch führende Vertreter des marxistischen Zentrums. 

Sie alle eint ein gemeinsames Ziel: „Die Beendigung des Krieges ohne Annexionen“.

Die USPD ist also in erster Linie der Block der sozialdemokratischen Gegner des „Burgfriedens“, die gegen die „Kriegskredite“ sind. Sonst herrschen innerhalb der „USPD“ in der Beurteilung der Arbeiterbewegung und ihrer Taktik große Meinungsverschiedenheiten.

Zu Vorsitzenden der neuen Partei werden Wilhelm Dittmann und Hugo Haase gewählt.

Auch Kurt Eisner ist in Gotha anwesend, obwohl er immer gegen die Spaltung der Partei war.
Die Unzufriedenheit mit der „SPD“ hat auch in Bayern zugenommen.

23.04.1917 „Reichskanzler“ Bethmann Hollweg gegen die „Oberste Heeresleitung“

Kreuznach * Bei der Konferenz in Kreuznach zur erneuten Festlegung der Kriegsziele spricht sich „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg gegen die Pläne der „Obersten Heeresleitung - OHL“ aus, die eine weitgehende „Annexionen“ in Russland, Belgien und Frankreich vorsehen. 

02.06.1917 König Ludwig III. macht erneut seine Annexions-Absichten deutlich

München - Königreich Bayern * König Ludwig III. macht erneut seine Annexions-Absichten deutlich: „Bayern hat um so mehr Anspruch auf eine Vergrößerung, als es bei den letzten Friedensschlüssen immer schlecht abgeschnitten hat“

06.07.1917 Matthias Erzberger fordert einen annexionslosen Frieden

Berlin * Der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger fordert in er Aufsehen erregenden Rede vor dem Hauptausschuss des Reichstags einen annexionslosen Frieden, da keine Aussicht auf einen Sieg mehr besteht.

  • Er will eine Friedensinitiative des Parlaments und fordert zugleich
  • den Rücktritt des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. 
14.07.1917 Die Reichstagsmehrheit verabschiedet eine Friedensresolution

Berlin * Die Reichstagsmehrheit bestehend aus SPD, Zentrum und Fortschrittliche Volkspartei - FVP verabschiedet im Reichstag die vom Zentrumsabgeordneten Matthias Erzberger am 6. Juli 1917 geforderte Friedensresolution.

  • In dieser treten sie für „einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker“ ein,
  • mit dem „erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche und finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar“ sind. 
31.07.1917 400 Matrosen für einen Frieden ohne Annexionen

??? * Auf dem Kriegsschiff König Albert unterzeichnen 400 Matrosen eine Erklärung für einen Frieden ohne Annexionen. Gleichzeitig geben sie ihren Eintritt in die USPD bekannt. 

01.08.1917 Papst Benedikt XV. fordert einen Frieden ohne Annexionen

Vatikan * Papst Benedikt XV. richtet einen Friedensappell an die kriegführenden Mächte: „Soll denn die zivilisierte Welt nur noch ein Leichenfeld sein?“, fragt der Papst in seiner Friedensnote. „Soll das ruhmreiche und blühende Europa, wie von einem allgemeinen Wahnsinn fortgerissen, in den Abgrund rennen und Hand an sich selbst anlegen zum Selbstmord?“

Er ruft in seiner Friedensbotschaft zu einem Frieden ohne Annexionen auf, so „wie es jenem ziemt, der als der gemeinsame Vater alle seine Kinder mit der gleichen Liebe umgibt“.

Doch sowohl die Entente wie auch die Mittelmächte glauben an ein Komplott und diffamieren Benedikt XV. als „Papst der Gegner“. Für die Franzosen wird er zum „pape boche“; der deutsche Generalquartiermeister Erich Ludendorff spricht dagegen nur noch vom „Franzosenpapst“.

Wohl am enttäuschendsten sind für Papst Benedikt XV. aber die Reaktionen der Bischöfe in den kriegführenden Ländern. Die meisten haben sich schon 1914 dem allgemeinen Hurrapatriotismus angeschlossen. Statt sich nun hinter ihr übernationales Oberhaupt der katholischen Kirche zu versammeln, geben sie sich nationalistisch.

Nur im kriegsmüden Italien findet der Vorschlag große Zustimmung. 

09.11.1917 „Regierung der Volkskommissare“ unter dem Vorsitz von Wladimir I. Lenin

Petersburg * Die siegreichen „Revolutionäre“ in Russland bilden eine „Regierung der Volkskommissare“ unter dem Vorsitz von Wladimir I. Lenin. 

Sie erlassen ein Dekret über einen „Frieden ohne Annexionen und Kontributionen“

27.12.1917 Die Deutschen verhandeln für einen Annexionsfrieden

Brest-Litowsk * Aus den Erklärungen des deutschen Unterhändlers wird deutlich, dass die Deutschen in den Verhandlungen in Brest-Litowsk keinen „Verständigungsfrieden“ wollen, sondern gezielt auf einen separaten „Annexionsfrieden“ hinarbeiten.

10.01.1918 USPD-Kritik an den Annexionsplänen

Berlin * Die USPD-Reichstagsfraktion kritisiert in einem Aufruf die Annexionspläne des deutschen Imperialismus im Osten scharf. 

15.01.1918 In Wien beginnen Rüstungsarbeiter einen Streik

Wien * Der in den Wiener-Neustädter Daimler-Motorenwerken am Tag zuvor begonnene Streik weitet sich zur politischen Massenstreikbewegung in fast allen Industriegebieten des Habsburger Reich bis nach Prag und Budapest aus.

Bis zum 25. Jänner 1918 werden über 700.000 Arbeiter in den Ausstand treten. Es kommt zur größten Streikaktion in der Geschichte des Landes.

Die Streikenden fordern nicht mehr nur

  • eine bessere Lebensmittelversorgung, sondern auch
  • ein demokratisches Wahlrecht
  • die sofortige Beendigung des Krieges und
  • einen raschen Friedensschluss ohne Annexionen in Brest-Litowsk.

In Massenveranstaltungen werden Arbeiterräte - nach dem Vorbild der russischen Revolution - als ein konkretes Gegenmodell politischer Interessenvertretung gewählt.

Noch am ersten Tag des Wiener Streiks formuliert der sozialdemokratische Parteivorstand Forderungen an die Regierung, die vom Arbeiterrat akzeptiert werden. 

28.01.1918 Revolutionäre Obleute organisieren in Russland Massenstreiks

Russland * Revolutionäre Obleute organisieren in Russland Massenstreiks gegen die annexionistische Verhandlungsführung der Mittelmächte in Brest-Litowsk.

Die Streiks dauern bis 4. Februar 1918 an. 

23.10.1918 Kurt Eisner hält im Schwabinger-Bräu seine erste Wahlkampfrede

München-Schwabing * Kurt Eisner hält im Schwabinger Bräu seine erste Wahlkampfrede seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis. Nur neun Tage nach seiner Haftentlassung lockt er bereits 2.000 Zuhörer in seine Versammlung. 

Er referiert über das Thema „Regierungssozialisten oder Sozialistenregierung“ und wirft darin dem Flügel um Erhard Auer vor, nicht das Interesse des Volkes, sondern nur das der Regierung im Auge zu haben.

In der weiteren Rede fordert Kurt Eisner 

  • die Abdankung des Kaisers und
  • einen Frieden ohne Annexion
  • Kurt Eisner verspricht sich nicht viel vom jetzigen demokratischen System und tritt ein
  • für die Beseitigung aller bestehender Gewalten durch Umsturz und Revolution ein. 

Am Schluss verlangt er

  • „eine große deutsche Republik mit Einschluss Deutsch-Österreichs“ und
  • die „Rückkehr zu den Idealen der Revolution von 1848“

„Bissig, heiser und mit einem fanatischen Elan rechnete er mit seinen Gegnern ab.  
Alles um ihn war dicht besetzt. Kopf an Kopf. Er stand auf dem Podium inmitten der hockenden Leute und gestikulierte mitunter wild. Langes Haar, das fast bis auf seine Schultern herabwallte, einen noch zerzausteren Bart hatte er jetzt. Wie ein Apostel sah er aus, nur dass er einen Kneifer trug“
, schreibt Oskar Maria Graf über Kurt Eisner. 




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