Personenverzeichnis

Theobald von Bethmann Hollweg

Bethmann Hollweg Theobald von
Theobald von Bethmann Hollweg
Bildrechte: Unknown, Theobald von Bethmann Hollweg, CC BY-SA 3.0

Theobald Theodor Friedrich Alfred von Bethmann Hollweg (* 29. November 1856 in Hohenfinow, Provinz Brandenburg; † 1. Januar 1921 ebenda) war ein deutscher Politiker in der Zeit des Kaiserreichs. Seine Karriere begann als Verwaltungsbeamter und gipfelte in der Amtszeit als Reichskanzler von 1909 bis 1917. 

Theobald von Bethmann Hollweg vertrat liberale Auffassungen und stand der Fortschrittlichen Volkspartei nahe. Er bemühte sich als überparteilicher Kanzler um einen Ausgleich zwischen Sozialdemokratie und Konservatismus (Politik der Diagonalen, Burgfriedenspolitik). Dieses Ansinnen brachte ihm Lob, aber vor allem Kritik beider Seiten ein. Seine Rolle beim Beginn des Ersten Weltkrieges ist umstritten. 1914/15 trat er dem extremen Annexionismus rechtsgerichteter Kreise entgegen, verfolgte aber auch selbst weitreichende Kriegsziele. 1916/17 bemühte er sich um einen „Verständigungsfrieden“ auf der Basis einer gestärkten deutschen Machtposition. Ein Konflikt mit der 3. Obersten Heeresleitung (Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff) führte am 13. Juli 1917 zu seiner Entlassung (Nachfolger wurde Georg Michaelis). Seine ethischen Werthaltungen und seine fortschrittliche Grundhaltung als Leitlinie der Politik beeinflussten den SeSiSo-Club, den Solf-Kreis und den Kreisauer Kreis. Dank seiner Kontakte zur SPD fand diese zeitweise eine gewisse Akzeptanz im Bürgertum.

Ereignisse

14.07.1909 Theobald von Bethmann Hollweg wird zum „Reichskanzler“ ernannt

Berlin * Theobald von Bethmann Hollweg wird in Berlin zum „Reichskanzler“ ernannt. 

27.07.1914 Das „Deutsche Reich“ lehnt britischen Konferenz-Vorschlag kategorisch ab

Berlin * Das „Deutsche Reich“ lehnt den britischen Vorschlag einer „Außenministerkonferenz“ zur Beilegung des Konflikts kategorisch ab und besteht auch weiterhin auf einer „Lokalisierung“ des Konflikts.

Der aus dem Urlaub zurückgekehrte Kaiser Wilhelm II. sieht in der serbischen Antwort eine „Kapitulation demütigster Art“, mit der jeder Grund zum Krieg entfallen sei.  

Sein Auftrag an „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg, in Wien entsprechend zu intervenieren, wird von diesem jedoch ignoriert und erst verspätet weitergegeben.

28.07.1914 Suche nach überzeugenden Argumenten

Berlin - Wien * Der deutsche „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg bemüht sich inzwischen halbherzig, die Wiener Regierung von ihrem harten Kurs abzubringen.

Er ist zwar von der „Unvermeidbarkeit“ eines „Großen Krieges“ überzeugt, will aber gegenüber der Öffentlichkeit den Nachweis führen, dass die Aggression von Russland ausgeht.  

Denn, so Bethmann Hollweg in einem Schreiben an die „K.u.K.-Regierung“, ein „europäischer Krieg“ lässt sich ohne Zustimmung der Bevölkerung nicht führen, weshalb es „eine gebieterische Notwendigkeit [ist], dass die Verantwortung für das eventuelle Übergreifen des Konflikts [...] unter allen Umständen Russland trifft“.

Die Mahnung verhallt ungehört, weil gleichzeitig der deutsche „General­stabschef“ Helmuth von Moltke seinem österreichischen Kollegen Conrad von Hötzendorf versichert, dass Deutschland selbstverständlich den österreichisch-ungarischen Kriegskurs unterstützen wird.  

03.08.1914 Deutschland bringt ein „Weißbuch“ heraus

Berlin * Als erste kriegführende Macht bringt Deutschland ein „Weißbuch“ heraus.

Darin enthalten sind Aktenstücke, die beweisen sollen, dass sich Deutschland bis zuletzt um den Frieden bemüht hat und damit die „Burgfriedenspolitk“ gegen kritische Fragen erhärten kann.  

Das „Weißbuch“ wird vom „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg dem „Reichstag“ vorgelegt.  
Auch die anderen, am Krieg beteiligten Nationen bringen ähnliche Dokumentsammlungen in ihren „Landesfarben“ heraus.
Doch alle derartigen Publikationen erhalten neben Flüchtigkeitsfehlern auch gezielte Fälschungen. 

04.08.1914 Großbritannien tritt in den Krieg ein

Berlin - London * Am Abend hält „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg dem britischen Botschafter vor, wie furchtbar es wäre, wenn es zwischen Deutschland und England - „wegen eines Fetzens Papier“ - zum Krieg kommen würde.  

Diese abschätzige Bezeichnung Bethmann Hollwegs für den „Vertrag über die belgische Neutralität“ wirft ein grelles Licht auf die deutsche Haltung und wird daher von der englischen Propaganda sofort in einem Plakat umgesetzt.  

Die Verletzung der belgischen „Neutralität“ durch das „Deutsche Reich“ leistet einen entscheidenden Beitrag, die öffentliche Meinung in Großbritannien für den Krieg gegen Deutschland zu mobilisieren.  

Großbritannien erklärt daraufhin konsequenterweise Deutschland den Krieg.  

Die Armeen der „Mittelmächte“ haben eine Kriegsstärke von 3,5 Millionen Soldaten, davon 2,1 Millionen deutsche; die „Entente“ verfügt dagegen über 5,7 Millionen Soldaten. 

04.08.1914 Erklärung zum unberechtigten Einmarsch ins „neutrale“ Belgien

Berlin - Brüssel * „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg gibt vor dem „Reichstag“ eine Erklärung zum unberechtigten Einmarsch ins „neutrale“ Belgien ab.
Die Reaktionen der Abgeordneten finden sich in den eckigen Klammern wieder:  

„Meine Herren, wir sind jetzt in der Notwehr; [lebhafte Zustimmung] und Not kennt kein Gebot! [Stürmischer Beifall]
Unsere Truppen haben Luxemburg besetzt, [Bravo!] vielleicht schon belgisches Gebiet betreten. [Erneutes Bravo.]  

Meine Herren, das widerspricht den Geboten des Völkerrechts.
Die französische Regierung hat zwar in Brüssel erklärt, die Neutralität Belgiens respektieren zu wollen, so lange der Gegner sie respektiere. 

Wir wussten aber, dass Frankreich zum Einfall bereit stand. [Hört! Hört!]
Frankreich konnte warten, wir aber nicht!
Ein französischer Einfall in unsere Flanke am unteren Rhein hätte verhängnisvoll werden können.
[Lebhafte Zustimmung.]  

So waren wir gezwungen, uns über den berechtigten Protest der luxemburgischen und der belgischen Regierung hinwegzusetzen. [Sehr richtig!]
Das Unrecht - ich spreche offen - das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gutzumachen suchen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist. [Bravo!]

Wer so bedroht ist wie wir und um sein Höchstes kämpft, der darf nur daran denken, wie er sich durchhaut! [Anhaltender brausender Beifall und Händeklatschen im ganzen Hause und auf den Tribünen.]
Meine Herren, wir stehen Schulter an Schulter mit Österreich-Ungarn“

08.08.1914 König Ludwig III. fordert die Angliederung des Elsass an Bayern

München * Nur wenige Tage nach Kriegsbeginn fordert König Ludwig III. - im Falle eines deutschen Sieges - die Angliederung des Elsass an Bayern.

In einem Brief an den „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg verlangt er ein Kriegsergebnis, das die schweren Blutopfer „aufwiege“.

06.06.1915 König Ludwig III. fordert einen deutschen Zugang vom Rhein zum Meer

Nürnberg * König Ludwig III. fordert in seiner sogenannten „Kanalrede“ - vor dem im Jahr 1891 gegründeten „Bayerischen Kanalverein“ - als „Kriegsziel“ für das Deutsche Reich einen „direkten Ausgang vom Rhein zum Meer“.  

„Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg befürchtet durch diese offen vorgetragene „Annexionspolitik“ des bayerischen Königs eine Verärgerung des neutralen Holland, weshalb die Forderung in der Veröffentlichung der „Bayerischen Staatszeitung“ abgeschwächt wird. 

16.06.1915 Ludwig III. über die Flaumacherei und Schlappheit verärgert

München - Berlin * König Ludwig III. teilt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg mit, er sei „scharf verstimmt“ über die „Flaumacherei und Schlappheit“ der deutschen Außenpolitik.

Man soll in Berlin keinesfalls seine Energie und Willenskraft in der Annexionsfrage unterschätzen. 

25.02.1917 Dem „Reichskanzler“ wird „Schwäche in der Kriegführung“ vorgeworfen

Berlin - Deutsches Reich * Deutsche Großindustrielle werfen „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg „Schwäche in der Kriegführung“ vor und fordern seinen Rücktritt. 

23.04.1917 „Reichskanzler“ Bethmann Hollweg gegen die „Oberste Heeresleitung“

Kreuznach * Bei der Konferenz in Kreuznach zur erneuten Festlegung der Kriegsziele spricht sich „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg gegen die Pläne der „Obersten Heeresleitung - OHL“ aus, die eine weitgehende „Annexionen“ in Russland, Belgien und Frankreich vorsehen. 

15.05.1917 Reichskanzler Bethmann Hollweg zur aktuellen Kriegspolitik

Berlin * Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hält eine programmatische Rede zur gegenwärtigen Kriegspolitik, ohne jedoch auf die Frage der Kriegsziele einzugehen. 

06.07.1917 Matthias Erzberger fordert einen annexionslosen Frieden

Berlin * Der Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger fordert in er Aufsehen erregenden Rede vor dem Hauptausschuss des Reichstags einen annexionslosen Frieden, da keine Aussicht auf einen Sieg mehr besteht.

  • Er will eine Friedensinitiative des Parlaments und fordert zugleich
  • den Rücktritt des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. 
11.07.1917 Entlassung von „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg gefordert

Berlin * Die „Oberste Heeresleitung - OHL“, bestehend aus „Generalfeldmarschall“ Paul von Hindenburg und „Generalquartiermeister“ Erich Ludendorff fordern die Entlassung von „Reichskanzler“ Theobald von Bethmann Hollweg wegen dessen „Kriegszielpolitik“

13.07.1917 Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg tritt zurück

Berlin * Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg reicht seinen Rücktritt ein.

Sein Nachfolger wird Georg Michaelis. 

13.07.1917 Der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wird gestürzt

Berlin * Die Oberste Heeresleitung - OHL und die Reichsstagsmehrheit, bestehend aus SPD, Fortschrittspartei und Zentrum, stürzen den Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. 

13.07.1917 Kronprinz Rupprecht: Ludendorff soll politisch gebändigt werden

Lille - München * Kronprinz Rupprecht berichtet seinem Vater, König Ludwig III., es sei „wahrhaft unglaublich, wie es in Berlin zugeht - der Kanzler ist wohl unhaltbar. Ludendorff muss aber unbedingt auf sein militärisches Fach beschränkt werden und darf sich nicht in alle Fragen der inneren und äußeren Politik mengen“.

Er bittet seinen Vater zum Kaiser nach Berlin zu fahren, denn es steht „viel auf dem Spiel, um nicht zu sagen Alles!“.

Kronprinz Rupprecht fürchtet die Einführung des Parlamentarismus auf Reichsebene am meisten, da das das Ende der Einzelstaaten bedeuten würde. 

15.11.1918 Nuntius Pacelli berichtet dem Vatikan zu den revolutionären Vorgängen

München - Vatikan * Nuntius Eugenio Pacelli verfasst zwei von drei analytisch-zusammenfassende Berichte an den Kardinalsstaatssekretär Pietro Gasparri.

Die Ursache der Revolution sieht Pacelli in

  • der militärischen Lage mit dem Kriegseintritt der USA,
  • dem Zusammenbruch von Österreich-Ungarn,
  • die Kampfmüdigkeit der deutschen Soldaten, sodass die als unüberwindlich geltende Hindenburg-Linie ins Wanken geriet,
  • und dass die Generäle die päpstliche Friedensvermittlung vom 1. August 1917 zurückgewiesen haben, die Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg befürwortet hatte. 



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