Personenverzeichnis

Anton Graf von Arco auf Valley

Arco auf Valley Anton Graf von
Anton Graf von Arco auf Valley
Bildrechte: Gemeinfrei (Wikipedia 2018)

Anton Graf von Arco auf Valley (* 5. Februar 1897 in St. Martin im Innkreis; † 29. Juni 1945 in Salzburg) war ein deutscher Adliger, der durch die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner am 21. Februar 1919 bekannt wurde.

Anton Graf von Arco auf Valley wurde als Sohn von Maximilian Graf Arco-Valley (1849–1911) und dessen Frau Emmy Freiin von Oppenheim (1869–1957) aus der Bankiersfamilie Oppenheim geboren. Er studierte Jura und stieg nach seinem Eintritt in die bayerische Armee zum Leutnant des bayerischen Leibregiments auf. Bekannt wurde er, als er am 21. Februar 1919 in München in einem antisemitisch aufgeheizten politischen Klima Kurt Eisner erschoss. 

Der pazifistische USPD-Politiker Eisner war der erste Ministerpräsident Bayerns nach dem Sturz der Monarchie. Er wurde auf dem Weg in den Landtag ermordet, wo er nach der verlorenen Landtagswahl seinen Rücktritt anbieten wollte. 

Arco gehörte zum Umfeld der antisemitischen Thule-Gesellschaft. Aus dieser war er wegen der jüdischen Herkunft seiner Mutter ausgeschlossen worden. Der englische Historiker Nicholas Goodrick-Clarke schreibt, dass er darüber „aufgebracht war und durch den Mord [an Kurt Eisner] seine nationale Gesinnung zeigen wollte“. 

„Eisner ist Bolschewist, er ist Jude, er ist kein Deutscher, er fühlt nicht deutsch, untergräbt jedes vaterländische Denken und Fühlen, ist ein Landesverräter.“ 
– Anton Graf von Arco auf Valley

Alternativ wurden ihm Verbindungen zu den Monarchisten zugeschrieben, die König Ludwig III. wieder einsetzen wollten. Er war auch Mitglied der Studentenverbindung K.B.St.V. Rhaetia München, die einen bayerischen Separatismus vertrat und nur katholische Bayern aufnimmt.

Ereignisse

05.02.1897 Anton Graf von Arco auf Valley wird geboren

Sankt Martin * Anton Graf von Arco auf Valley wird in Sankt Martin im Innkreis, Oberösterreich, geboren. 

Sein Vater stammt aus dem bayerischen Adel, seine Mutter ist eine geborene Oppenheim aus der gleichnamigen jüdischen Bankiersfamilie. 

07.06.1918 Kurt Eisner wird von Neudeck nach Stadelheim verlegt

München-Au - München-Stadelheim * Ohne Mitteilung über eine Änderung in seinem Status als Untersuchungsgefangener wird Kurt Eisner - laut seinem Gefängnis-Tagebuch - zwischen dem 6. und 15. Juni 1918 vom Gerichtsgefängnis Neudeck in die staatliche Strafanstalt in Stadelheim verlegt.

Er wird in Stadelheim in der Zelle 70 untergebracht. In dieser Zelle sollte später auch der Eisner-Mörder Anton Graf von Arco auf Valley, ab 1923 der Putschist Adolf Hitler einsitzen. Der SA-Führer Ernst Röhm wird in der Nacht vom 30. Juni 1934 in der Zelle 70 erschossen. 

24.12.1918 „Innenminister“ Auer feiert mit Graf Arco in der „Türkenkaserne“

München-Maxvorstadt * „Innenminister“ Erhard Auer verbringt den „Heiligabend“ auf Einladung von Anton Graf Arco-Valley, dem späteren Eisner-Mörder, in der „Türkenkaserne“

20.02.1919 Anton Graf von Arco auf Valley legt seine Mordmotive schriftlich nieder

München * Einen Tag bevor Anton Graf von Arco auf Valley zur Waffe greift, legt seine Motive schriftlich nieder:  

  • „Eisner strebt nach der Anarchie, er ist Bolschewist, er ist Jude, er fühlt nicht deutsch, er untergräbt jedes deutsche Gefühl, er ist ein Landesverräter. [...]
  • Ich hasse den Bolschewismus, ich liebe mein Bayernvolk, ich bin ein treuer Monarchist und guter Katholik. Über alles achte ich die Ehre Bayerns“.

Arcos Zimmermädchen Walburga Kästele, die Arcos Wohnung in der Prinzregenten Straße 18 betreut, bestätigt die Entschlossenheit des jungen Grafen: 
„Gegen Abend des 20. Februar nach 6 Uhr sagte Arco ohne besondere Einleitung, als ich zu seiner Bedienung in seinem Zimmer war: Morgen erschieße ich den Eisner. 

Er sagte das ganz lustig und hat dazu gelacht.
Ich glaubte ihm nicht und sagte, das getraue er sich doch nicht, worauf er erwiderte: Doch, doch, ich mache es, der muss weg er ist ein Bolschewik und Jude“
.

21.02.1919 Die Vorgänge um Kurt Einsers Ermordung

München * Anton Graf von Arco auf Valley schreitet zur Mordtat. 

Dazu noch einmal Arcos Zimmermädchen Walburga Kästele:
„Am [...] Morgen weckte ich ihn um 7 Uhr, und er stand - entgegen seiner sonstigen Gewohnheit - sofort auf. [...]
Er blieb über eine Stunde im Wasser. Als ich ihm etwa um 8 1⁄4 Uhr klopfte, sagte er: Sakrament, jetzt bin ich zu spät dran. [...]   

Er frug mich noch, ob ich meine, dass es im Gefängnis kalt sei, und befahl mir, ihm einen dicken Anzug herzurichten.
Dann frühstückte er“
.  

21.02.1919 Die Nachricht von Eisners Ermordung verbreitet sich in Windeseile

München * Die Nachricht von Eisners Ermordung verbreitet sich in Windeseile. 

Von überall her strömen die Massen an den Tatort. 

Aus dem stark angefeindeten „USPD-Politiker“ ist ein „Märtyrer der Revolution“ geworden, dem alle noch einmal huldigen wollen.
Die Schriftstellerin Richarda Huch erinnert sich an die Schüsse:
„Jedermann verdammte und beklagte nun die verhängnisvolle Kugel des jungen Arco.
Es war gerade, als ob sie nur gefallen, um der stockenden Revolution einen neuen Auftrieb zu geben“
.  

  • Dabei wäre mit dem Rücktritt Kurt Eisners und der „Konstituierenden Sitzung des Bayerischen Landtags“ vermutlich die Revolution in Bayern beendet gewesen. 
  • Eine gesetzmäßig gewählte Regierung - angeführt von den „Mehrheitssozialisten“ und Demokraten - hätte ihr Amt übernommen.
  • Da sich die neue Regierung rechtlich und politisch in einer starken Position befand, wäre sie nur unter ganz außergewöhnlich schwierigen Umständen zu stürzen gewesen.
  • Doch mit der verbrecherischen Tat und der politischen Dummheit des Grafen Anton von Arco auf Valley wird die „Zweite Revolution“ eingeleitet. 
21.02.1919 Auch Eisners Mörder wird niedergeschossen

München-Kreuzviertel * Nicht nur Eisner, auch Anton von Arco wird unmittelbar nach seiner Tat von einem Leibwächter Eisners niedergeschossen und dabei lebensgefährlich verletzt. 

Man bringt ihn umgehend in Sicherheit, da die herbeigeeilte Menge damit droht, ihn zu lynchen. 

Der damalige „Direktor der Universitätsklinik“ Ferdinand Sauerbruch kann ihn erfolgreich operieren. 

Die Schüsse von hinten auf Kurt Eisner hat Graf Arco übrigens sein Leben lang geleugnet.

Soldaten tragen den toten „Ministerpräsidenten“ ins Portierszimmer des „Ministeriums des Äußeren“

21.02.1919 „Ministerpräsident“ Kurt Eisner wird ermordet

München-Kreuzviertel * „Ministerpräsident“ Kurt Eisner verlässt an diesem föhnigen Vorfrühlingstag, kurz vor zehn Uhr, seinen Amtssitz im „Montgelas-Palais“ und begibt sich von dort zum „Landtagsgebäude“ an der Prannerstraße.

In seiner Aktentasche befindet sich sein bereits unterschriebenes Rücktrittsschreiben.  
Begleitet wird er von seinem „Sekretär“ Felix Fechenbach und dem „Leiter des Ministerpräsidentenbüros“, Bruno Merkle.
Zwei bewaffnete „Ordonnanzen“ gehen voraus. 

Angesichts der drohenden Gefahr schlagen Eisners Begleiter einen Schleichweg zum „Landtag“ vor, was Eisner entschieden ablehnt, denn:
„Man kann einen Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen“.

Kurz nachdem die Gruppe um Eisner in die damalige Promenadenstraße eingebogen ist, pirscht sich Anton Graf von Arco auf Valley an den „Ministerpräsidenten“ heran und schießt ihm aus kürzester Entfernung zweimal in den Hinterkopf. 

Im Nacken und unter dem rechten Ohr getroffen bricht Kurt Eisner sofort tot zusammen. 

15.01.1920 Der Prozess gegen Graf Anton von Arco auf Valley beginnt

München * Aufgrund seiner Schussverletzungen beginnt der Prozess gegen Graf Anton von Arco auf Valley erst jetzt im Münchner „Justizpalast“

Der „Gerichtspsychiater“ Professor Rüdin beschreibt Arco als „eine intellektuell mäßige, gerade noch durchschnittliche Begabung, eine unreife, ungefestigte Persönlichkeit, die zu impulsivem Handeln neigt“

16.01.1920 Graf Anton von Arco auf Valley zum Tode verurteilt

München * Da sich die Richter und der Verteidiger über die Wertung der Tat im Grunde einig sind, ergeht das Urteil gegen Graf Anton von Arco auf Valley bereits um 16.08 Uhr. 

Es wird vom „Landgerichtsdirektor“ Georg Neithardt gesprochen und lautet:
„[...] wegen eines Verbrechens des Mordes zum Tode und in die Kosten verurteilt“.  Es lässt sich einfach nicht umgehen anzuführen: „Der Angeklagte führte die Tötung nach einem wohlbedachten Plan mit Überlegung aus“

Die Justiz öffnet sich aber gleich selbst die Tür für ihr weiteres Vorgehen. 

Am Ende des Urteils stehen die bemerkenswerten Zeilen: 
„Von einer Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte konnte natürlich keine Rede sein, weil die Handlungsweise des jungen, politisch unmündigen Mannes nicht niedriger Gesinnung, sondern der glühenden Liebe zu seinem Volke und seinem Vaterland entsprang und ein Ausfluss seines Draufgängertums und der in weiten Volkskreisen herrschenden Empörung gegen Eisner war, weil ferner der Angeklagte seine Tat in allen ihren Einzelheiten ohne jeden Versuch der Beschönigung oder Verschleierung mit offenem, edlem Mute in achtungsgebietender Weise als aufrechte Persönlichkeit eingestand“.

Graf Arco nimmt sein Todesurteil mit vollkommener Ruhe zur Kenntnis und ruft in seinem Schlusswort die Zuhörer zum Aufbau einer nationalen Zukunft auf. Stürmischer Beifall erhebt sich im Sitzungssaal. 

Anschließend finden in der Stadt zahlreiche Kundgebungen statt, auf denen zumeist Studenten unter schwarz-weiß-roten Fahnen einen Freispruch Arcos fordern. 

Es drohen antisemitische Ausschreitungen, bis der Verteidiger Arcos die Gemüter mit der Ankündigung beruhigen kann, dass begründete „Aussicht auf Begnadigung“ des Verurteilten besteht. 

17.01.1920 Der Eisner-Mörder wird zu „lebenslanger Festungshaft“ begnadigt

München * Der mehrheitlich konservative „Ministerrat“ tritt zu einer Sitzung zusammen, um die „Begnadigung“ des Mörders Graf Anton von Arco auf Valley zu beschließen. 

Der Beschluss erfolgt in Abwesenheit des „Ministerpräsidenten“ und Eisner-Nachfolgers Johannes Hoffmann, eines „königlich-bayerischen“ Sozialdemokraten, der nicht ohne Unverständnis für die Tat ist.

In der Sitzung äußert „Justizminister“ Ernst Müller-Meiningen den aufschlussreichen Satz: „Ich würde mich vor meinen Kindern schämen, einen Mann wie Arco ins Zuchthaus zu schicken“.  

Da eine „Zuchthausstrafe“ als die schärfste Haftart angesehen wird, begnadigt man den Grafen Arco zu einer „lebenslangen Festungshaft“, der komfortabelsten Art des Freiheitsentzugs, die gleichzeitig als ehrenvoll gilt.
Bei dieser „Begnadigung“ bezieht man sich ausdrücklich auf die erst am Vortag selbst formulierte Achtungsbezeugung vor dem „Mörder eines amtierenden Ministerpräsidenten“.  

Anton Graf von Arco auf Valley tritt als erster „Festungshäftling“ seine „Luxushaft“ in Landsberg am Lech an. 

02.04.1924 Graf Arco und Adolf Hitler lernen sich in der Haft kennen

Landsberg * Während der letzten sechs Wochen seiner Inhaftierung lernt Graf von  Arco einen Neuzugang kennen, der die Haftruhe - wie  auch Graf Arco selbst - zum Niederschreiben seiner Gedanken und Pläne nutzt: Adolf Hitler.

Dieser beginnt in Landsberg mit seinem Werk „Mein Kampf“, in dem er unter anderem den deutschen „Föderalismus“ als Schwächung Deutschlands geißelt. 

13.04.1924 „Reichspräsident“ Hindenburg begnadigt Anton Graf von Arco auf Valley

Berlin * „Reichspräsident“ Paul von Hindenburg begnadigt Anton Graf von Arco auf Valley. 

Eine „lebenslange Festungshaft“ war für Arco eh nie ernstlich vorgesehen. 

10.05.1924 Anton von Arco verlässt die „Festung Landsberg“ als freier Mann

Landsberg * Bereits vier Jahre nach seiner Verurteilung verlässt Anton von Arco auf Valley die „Festung Landsberg“ wieder als freier Mann.  

Bei seiner Rückkehr nach „Schloss Sankt Martin“ wird der Graf von der Bevölkerung jubelnd empfangen und die farbentragende katholische bayerische „Studentenverbindung Rhaetia“ nimmt im Rahmen einer „Festkneipe“ im Sommer 1925 den aus der Haft entlassenen Mörder in ihren Reihen auf. 

Anton von Arco ist durch seinen „Mord am bayerischen Ministerpräsidenten“ zum „Helden der nationalen Rechten“ aufgestiegen.  
Dass er dabei von den Leibwächtern schwer verletzt wurde, macht auch noch einen „Märtyrer“ aus ihm. 

10.07.1934 Kardinal Faulhaber traut den Eisner-Mörder

München-Kreuzviertel * Kardinal Michael von Faulhaber traut den Kurt-Eisner-Mörder Anton Graf von Arco auf Valley mit Gabrielle Gräfin von Arco-Zinneberg in der Dreifaligkeitskirche.

Arco hatte den Gründer des Freistaats Bayern am 21. Februar 1919 hinterrücks ermordet, war zunächst zum Tode verurteilt, aber am nächsten Tag zu lebenslänglicher Festungshaft begnadigt worden. Nach fünf Jahren wurde er aus der Haft entlassen.

Anton Graf von Arco auf Valley war durch seine Tat in monarchistischen und konservativen Kreisen hoch angesehen. Deshalb ist es dem Münchner Erzbischof und Kardinal ein persönliches Anliegen, die Trauung durchzuführen. 

15.09.1935 Die Nürnberger Gesetze bringen die völlige Entrechtung der Juden

Nürnberg * Mit den Nürnberger Gesetzen wird die völlige Entrechtung der Juden in Deutschland eingeleitet. Sie teilen sie in sogenannte Voll-, Halb- oder Viertel-Juden ein. 

Das Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre verbietet die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen ihnen. 

Für „Verbrechen der Rassenschande“ werden hohe Zuchthausstrafen oder KZ verhängt. Unter Zuhilfenahme der „Verordnung gegen Volksschädlinge“ können Angeklagte sogar zum Tode verurteilt werden. Das Reichsbürgergesetz macht Juden zu Bürgern zweiter Klasse

Anton von Arco gehört damit zu den Halbjuden, doch sein Ruhm als Eisner-Mörder schützt ihn vor weiteren Verfolgungen. 

29.06.1945 Anton Graf Arco auf Valley stirbt bei einem Autounfall

Salzburg * Das Leben des Grafen Arco endet ebenso abrupt, wie sein Ruhm begonnen hat: 

Nach Kriegsende stirbt Anton Graf Arco auf Valley mit seinem Auto - für damalige Zeiten ein Zeichen seltenen Wohlstands - bei einem Verkehrsunfall.
Kurz hinter Salzburg überholt er mit seinem Wagen ein Pferdefuhrwerk und stößt bei diesem Manöver mit einem entgegenkommenden Fahrzeug der amerikanischen Armee zusammen. 




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