Münchner Revolutionsgeschichte 1918/19

Mai

München-Obergiesing * Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges ist die Vereinsarbeit des „TSV München-Ost“ auf dem Tiefpunkt angelangt.  
„Als die Kriegs- und Revolutionswirren vorüber waren, zählte man zweihundert Mitglieder und betrauerte 49 gefallene Sportkameraden“, heißt es in einer Vereinschronik.

Außerdem kann der Turnsaal im „Schleibinger-Bräu“ nicht mehr benutzt werden, da dort seit dem Jahr 1917 ein Malzwerk für die „Cenovis-Werke“ eingerichtet worden ist.

Damit beginnt erneut eine Wanderschaft durch die Schulturnsäle und die Nebenzimmer großer Münchner Wirtshäuser. 

München * Dr. Fritz Gerlich kämpft im „Münchner Bürgerrat“, im „Bayerischen Heimatdienst“ sowie mit der Wochenzeitschrift „Feurjo“ gegen den „marxistischen Sozialismus“.

Daneben beschafft er Geldmittel zur Gründung der „Bayerischen Einwohnerwehr“ und für die Überwachung der „Kommunistischen Partei“.
Dieses Engagement trägt zu seinem Ruf als „Marxistentöter“ bei. 

01.05.1919

München * In aller Frühe kann die „Republikanische Schutztruppe“ das „Luitpold-Gymnasium“ erobern und große Mengen Waffen erbeuten.  

Bis 9 Uhr erobern und übernehmen rund 200 Mann des „Leibregiments“ den Ostflügel der „Türkenkaserne“.

Bürgerliche Kampfverbände, bestehend aus bewaffneten Bürgern, Studenten, ehemaligen Soldaten und Polizisten sowie zahlreichen Freiwilligen, sammeln sich vor der „Feldherrnhalle“ und besetzen schließlich die „Residenz“.

Kurz vor Mittag wird auf dem „Rathaus“ die weiß-blaue Fahne gehisst.

Eine bürgerliche Kampftruppe erobert vorübergehend den von den „Roten“ besetzten „Hauptbahnhof“

München-Untergiesing * Während der Niederschlagung der Münchner „Räterepublik“ ist das „Marianum“ ein Hauptquartier der Giesing stürmenden „Weißen“ Freikorps-Soldaten.

Bernried * Das aus circa 250 Männern bestehende „Freikorps Werdenfels“ fährt mit dem Zug nach München. 

Bei Bernried wird der Zug von einer Schublokomotive angefahren.
Drei Verletzte und ein Toter müssen vermeldet werden.
Der Unfall führt zum verspäteten Eingreifen des „Freikorps Werdenfels“ in die Kampfhandlungen.

München * Die aus zahlreichen „Freikorps“, „Reichswehr“ und einem württembergischen Gruppenkommando bestehenden „Weißen Truppen“ belagern München. 

Insgesamt stehen rund 35.000 Regierungssoldaten den etwa 10.000 bis 12.000 „Rotarmisten“ gegenüber.

Perlach * Als das Berliner „Freikorps Lützow“ einzieht, gewährt der er ehemalige „Feldgeistliche“, Pfarrer Robert Hell, Lützow und seinen Offizieren Quartier im protestantischen Pfarrhaus.

„Pfarrer“ Hell schreibt: „In Perlach selbst wurden nach dem Wegzug der Regierungstruppen von Anhängern der Roten Armee gegen die Leute, welche ‚die Preußen‘ im Quartier gehabt, Drohungen ausgestoßen […]“

München * Auf Regierungsplakaten wird bekannt gegeben, dass die bayerische Regierung „den Kriegszustand und das Standrecht verhängt“ hat.

„Wer den Regierungstruppen mit der Waffe entgegentritt, wird mit dem Tode bestraft“

München * In einem anderen Pakataufruf der „Betriebs- und Soldatenräte Münchens“ wird aufgefordert „waffenlos“ auf einer „Maikundgebung“ auf der „Theresienwiese“ zu demonstrieren.

Die Räte „protestieren mit Entrüstung gegen die fluchwürdigen Verbrechen jener Elemente, welche durch ihr Handeln die heilige Sache des Proletariats im Kampf für die Menschlichkeit verraten haben“.

Sie fordern auf:
„Soldaten! Laßt Eure Waffen in den Kasernen! 
Arbeiter! Laßt Eure Waffen in den Betrieben! 
Kommt mit den Frauen und Kindern heraus auf alle großen Plätze und Wiesen! 
Ungebeugt wird das Proletariat an diesem Tage seine Räte und den Geist seiner Räterepublik hochhalten. 
Es lebe der Rätegedanke!“ 

München * In einer in Flugblättern veröffentlichten „Erklärung“ distanzieren sich die „Betriebs- und Soldatenräte Münchens“ von den „bestialischen Handlungen (Erschießung von Geiseln im Gymnasium)“ und erläutern, dass sie 
„in keiner Weise verantwortlich sind. 
Die Betriebs- und Soldatenräte sprechen einstimmig ihren tiefsten Abscheu über solche unmenschliche Taten aus. 
Sie versprechen, die in der Versammlung am 30. April 1919 anwesenden Führer Toller, Maenner und Klingelhöfer, die nur im Auftrag des Proletariats gehandelt haben, in jeder Weise zu decken“.

München * „Stadtkommandant“ Max Mehrer verlässt wegen der Geisel-Erschießungen seinen Posten. 

München * Auf Plakaten wird behauptet, dass die ermordeten Mitglieder der „Thule-Gesellschaft“ im „Luitpold-Gymasium“ verstümmelt worden sind. 

Angeblich hat man ihnen die Geschlechtsteile abgeschnitten und in Abfalleimern entsorgt.
Es stellt sich zwar heraus, dass es sich bei den Fleischabfällen um Schweinefleisch handelt, doch das interessiert niemanden mehr.
Der „Geiselmord“ wird als Beweis für die unmenschliche Grausamkeit der „Roten“ gewertet.

Obwohl die Schüsse im „Luitpold-Gymnasium“ die einzige „linke“ Gewalttat während der Revolutionszeit ist, bleibt der „Geiselmord von München“ in der Geschichte tief verwurzelt.

München * Nach Bekanntwerden der voreiligen und unabgestimmten Maßnahmen ergeht vom leitenden Offizierskorps ein sofortiger „Rückzugsbefehl“.  
Einige Befehlshaber ignorieren diesen Befehl jedoch.  

Dass es einigen relativ kleinen Einheiten gelingt, ohne größere Verluste bis in den Stadtkern vorzudringen, ist nur der Beweis für das Nichtvorhandensein einer schlagkräftigen Gegenwehr.  

Bis zum Abend müssen sich die regierungstreuen „Weißen Truppen“ dennoch wieder aus der Innenstadt zurückziehen oder sie verschanzen sich in der „Residenz“.
Auch den Hauptbahnhof müssen sie wieder an die „Rote Armee“ und der „Arbeiterwehr“ übergeben. 

Bei den Angehörigen der „Roten Armee“ und der „Arbeiterwehr“ entsteht andererseits der Eindruck, dass die „Weißen“ durchaus besiegbar sind.  
Freilich wissen sie nicht, dass sie nur gegen einige befehlswidrig vorgerückte Einzelgruppen gekämpft haben und nicht der eigentlichen Streitmacht gegenüberstehen. 

München * Obwohl der Einmarsch der „Weißen Truppen“ in München erst für den nächsten Tag, pünktlich zur Mittagsstunde vorgesehen ist, kommt es bereits am 1. Mai in der Innenstadt zu Schießereien, Kämpfen und Verwüstungen. 

Wie, wann und wo sich die kriegsähnlichen Auseinandersetzungen entzünden, lässt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen.  
Die „Regierungstruppen“ werden auf ihrem Weg in den Stadtkern jedenfalls nicht von den „Roten“ angegriffen oder aufgehalten.  

Hinterher wurde gerne behauptet, die „Freikorpstruppen“ hätten sich aufgrund der durchsickernden Informationen über den „Geiselmord“ nicht mehr zurückhalten lassen und wären auf eigene Faust losgestürmt.
Doch das ist nur eine nachträgliche Entschuldigung für eine nicht zu entschuldigende „Disziplinlosigkeit“ auf Seiten der „Weißen Truppen“.  

So stürmen um 9:30 Uhr Angehörige des „Freikorps Lützow“ - von Berg am Laim aus kommend - die von der „Roten Armee“ besetzte „Kirchenschule“ in Haidhausen, verteilen die erbeuteten Waffen an unbewaffnete Bürger und dringen später bis zur Neuhauser Straße vor.  
Sie müssen sich kurz darauf allerdings wieder zurückziehen.

Die „Marine-Brigade Ehrhardt“ erreicht - von Schleißheim kommend- gegen Mittag Schwabing und beteiligt sich später an den Kämpfen am „Stachus“.
Auch aus Regensburg stammende Soldaten sowie Angehörige des „Freikorps Grafing“ und die „Batterie Zenetti“ sind an diesen Kämpfen beteiligt.

Dort entfacht sich ein mehrstündiges Gefecht.  
Die „Roten“ leisten erbitterten Widerstand, in deren Folge der „Stachus-Kiosk“ in Brand geschossen wird.  

Doch es gibt auch Gegenwehr von anderer Seite, die die „Weißen Truppen“ letztlich zum Abziehen zwingen.  
Dazu zählen auch Teilnehmer der „Maikundgebung“ auf der „Theresienwiese“, die dort „waffenlos demonstriert“ haben und sich nun auf dem Nachhauseweg befinden.  

Um 15 Uhr wird Pasing kampflos von den „Weißen“ eingenommen. 

München * Eines der Freikorps ist das Freikorps Oberland, das vom Thule-Führer Rudolf von Sebettendorf gegründet wurde und jetzt auch angeführt wird.

Der aus diesem Freikorps hervorgehende Bund Oberland wird ab 1921 den Kern der „SA“ in Bayern bilden und wird Teil des „Deutschen Kampfbundes“ sein, der sich im November 1923 am Hitler-Putsch beteiligt. 

Großhadern * Gustav Landauer wird in der Villa von Kurt Eisner und Else Belli in Großhadern festgenommen. 

02.05.1919

München * München wird nach harten Kämpfen gegen die sich erbittert verteidigenden „Roten“ von den „Regierungstruppen“ genommen.

Die letzten Einheiten der „Roten Armee“ werden am 4. Mai in der Umgebung von München zerschlagen.

Vereinzelte Feuergefechte in der Stadt noch bis zum 22. Mai.

München-Obergiesing * Die Angst und der Hass auf die Giesinger war bei den Nazis tief eingebrannt und reicht in die Zeit der „Zerschlagung der Räterepublik“ zurück.

Als die „Weißen Truppen“ auf der Tegernseer-Landstraße gegen die „Rote Hochburg Giesing“ vorrücken, postiert die „Rote Armee“ auf dem strategisch günstig gelegenen Kirchturm ihre Maschinengewehre.
Am Giesinger Berg werden die „Weißen“ mit MG-Feuer und Handgranaten empfangen.

Es folgen erbitterte Straßenschlachten rund um die Martin-Luther-Straße.

Eine spezielle Kampfart der „Roten Armee“ - die sich durch das Kanalisationssystem hinter die Linien der Feinde schlagen und von dort aus den Kanaldeckeln herausschießen, um anschließend sofort wieder zu verschwinden - führt dazu, dass es - trotz der Überlegenheit der „Weißen“ und des Einsatzes eines Panzerzuges bei der Pilgersheimer Eisenbahnbrücke - drei Tage dauert, bis der Widerstand der „Roten“ gebrochen ist:
in den Augen der Konterrevolutionäre ist das die „Schmach von Giesing“.

München-Giesing * Das „Freikorps Werdenfels“ wird um 10 Uhr in Großhesselohe ausgeladen und beteiligt sich bis zum 6. Mai an den „Säuberungsmaßnahmen“ in Harlaching und Giesing, die als „Hochburg kommunistischer Verseuchung und Verhetzung“ angesehen werden. 

Nach der Ankunft in München wird das „Freikorps Werdenfels“ dem „Bayerischen Schützenkorps“ unter Führung von Oberst Franz-Xaver Ritter von Epp als „Reserve“ zugeteilt.

München-Obergiesing * Gustav Landauer wird ins Gefängnis Stadelheim gebracht, wo er von Freikorpssoldaten in grausamster Weise misshandelt und schließlich ermordet wird.

Erich Mühsam, der beim Palmsonntagsputsch von den Schutztruppen verhaftet und ins Zuchthaus Ebrach gebracht worden war, notiert: „Landauer tot. Ich will und kann es nicht für möglich halten und muss es doch glauben […]. Niemand weiß, welch ein Geist hier zerstört ward“

München * Eigentlich war der Einmarsches in München eindeutig für Freitag, 2. Mai, um 12:00 Uhr, festgesetzt worden.

Um 11:40 Uhr werden aus Flugzeugen Flugblätter abgeworfen, die die Bevölkerung auf die kommenden Ereignisse vorbereiten sollen.

Die Kämpfe zwischen „Weißen“ und „Roten“ dauern bis zum Nachmittag an. 

Gräfelfing * Die 52 ehemaligen russischen Kriegsgefangenen aus dem „Lager Puchheim“, die in der „Roten Armee“ gekämpft haben, werden von „Weißen“ in einer Kiesgrube bei Gräfelfing erschossen. 

München * Der Oberbefehlshaber der „Roten Armee“, Rudolf Egelhofer, wird in der Wohnung der Ärztin Dr. Hildegard Menzi, wo er zur Untermiete wohnt, aufgegriffen und verhaftet.

Er wird im Keller der Residenz eingesperrt. 

München-Ludwigsvorstadt * Der „Mathäserbräu“ wird in Brand geschossen. 

München * München wird nach harten Kämpfen gegen die sich erbittert verteidigenden „Roten“ von den „Regierungstruppen“ genommen.

Die letzten Einheiten der „Roten Armee“ werden am 4. Mai in der Umgebung von München zerschlagen.
Vereinzelte Feuergefechte in der Stadt noch bis zum 22. Mai. 

München-Obergiesing * 92 „Spartakisten“ und „Rotarmisten“ werden alleine an diesem Tag im „Gefängnis Stadelheim“ standrechtlich erschossen. 

Ruhrgebiet * Die Kohleförderung im Ruhrgebiet läuft wieder in seinen gewohnten Bahnen. Der Generalstreik ist beendet. 

03.05.1919

München-Graggenau * Der im Keller der Residenz inhaftierte Rudolf Egelhofer wird in aller Frühe zum Verhör geholt.

Wenig später ist er tot - erschossen. 

München * Jetzt beginnt „die Reinigung von dem roten Gesindel“, wie es eine Zeitung formuliert.

Nicht Befreiung, sondern Terror einer grausamen Soldateska müssen die Münchner in den nächsten Tagen erleben.
Willkürliche Erschießungen, furchtbare Folterungen und Morde werden begangen.

Oskar Maria Graf schreibt:
„Überall zogen lange Reihen verhafteter, zerschundener, blutig geschlagener Arbeiter mit hochgehaltenen Armen.
Seitlich, hinten und vorne marschierten Soldaten, brüllten, wenn ein erlahmter Arm niedersinken wollte, stießen mit Gewehrkolben in die Rippen, schlugen mit Fäusten auf die Zitternden ein.  
[...] Das sind alle meine Brüder, dachte ich zerknirscht.  
[...] Sie sind alle Hunde gewesen wie ich, haben ihr Leben lang kuschen und sich ducken müssen, und jetzt, weil sie beißen wollten, schlägt man sie tot.  
[...] Tage hindurch hörte man nichts mehr als Verhaftungen und Erschießungen.  
[...] Die Räterepublik war zu Ende. Die Revolution war besiegt. Das Standgericht arbeitete emsig“

München * In der Innenstadt kommt es noch zu vereinzelten Schießereien.

Bamberg * Die „Regierung“ teilt mit, dass die Lebensmittelversorgung Münchens sichergestellt ist. 

Bamberg * Das „Ministerium für militärische Angelegenheiten“ lässt die Bildung der „Volkswehr“ und von „Freiwilligenkorps“ zu. 

München-Obergiesing * In „Stadelheim“ werden 50 „Spartakisten“ standrechtlich erschossen.

Am gleichen Tag werden die meisten der 42 zum Tod verurteilten „Rotarmisten“ hingerichtet. 

München * Die Hochschulen und bleiben bis auf weiteres geschlossen.

München * Nach fast dreiwöchiger Abstinenz erscheinen die Münchner Tageszeitungen wieder.

04.05.1919

München-Au * Josef Sontheimer wird im „Franziskaner-Keller“ hinterrücks ermordet, nachdem man ihm zuvor - scheinheilig - die Möglichkeit zur Flucht gegeben hat. 

Sontheimer war ein führendes Mitglied der Münchner „Arbeiter- und Soldatenräte“

München * Am Sonntag, dem 4. Mai 1919 herrschte warmes und schönes Frühlingswetter.
Immer mehr „Weiße“ rücken in München ein, darunter „Volkswehren“ aus dem Oberland.

Und wieder werden 27 „Spartakisten“ standrechtlich hingerichtet. 

München * Die Herstellung und Verbreitung aller „kommunistischen, spartakistischen und bolschewistischen Zeitungen und Zeitschriften“ wird verboten.

Gleiches gilt für „Skandal- und Revolverblätter“

München * „Oberstleutnant“ Adolf Herrgott wird „Stadtkommandant“

München-Umland * Die letzten Einheiten der „Roten Armee“ werden vor München zerschlagen. 

Perlach * Am Abend erklärt „Korpskommandeur“ Hans von Lützow „Major“ Walter Schulz, dass er einen telefonischen Hilferuf von Frau Hell, der Ehefrau des evangelischen Pfarrers von Perlach, erhalten habe. Die „Pastoren-Ehefrau“ fühlte sich von „Perlacher Kommunisten“ bedroht.

Die Bedrohung beruhte darauf, dass die genannten „Rotgardisten“ Kartoffeln beschlagnahmten, die ursprünglich für die Herstellung von „Schnaps“ in der „Schnapsfabrik Wolfram“ vorgesehen waren.

Bei den sogenannten „Rotgardisten“ handelte es sich zum Teil um Mitglieder  des Perlacher „Arbeiterrates“, der sich auch um Versorgnungs- und Wohnungsfragen kümmerte oder zur Überwachung des Personen- und Warenverkehrs, auch zur Eindämmung des „Schwarzmarktes“, Reisende am Bahnhof kontrollierte.
Das „Verbrechen“ bestand demzufolge darin, dass sie die Kartoffeln zur Ernährung und nicht zur Herstellung von Spirituosen verwenden wollten.

Schulz beauftragt den als „energischen Mann“ bekannten „Leutnant“ Georg Pölzing mit der Durchführung der „Hilfeleistung“. Dieser rückte sofort mit zwei Lastwägen und etwa vierzig Mann aus.
„Leutnant“ Pölzing ist im Besitz einer Liste, auf der die „gefährlichen Kommunisten“ aufgeführt sind. 

Perlach * Noch in der Nacht zum 5. Mai holen Angehörige des „Freikorps Lützow“ dreizehn Perlacher Arbeiter aus ihren Wohnungen, misshandeln diese auf dem Weg zum „Hofbräukeller“ auf bestialische Art und Weise.

Die Gefangenen werden nach Zeugenaussagen schon in Perlach an die Wand gestellt, worauf ein „Feldwebel“ das Kommando zum Entsichern gibt. In der Perlacher Wirtschaft „Zur Post“, wohin man die Verhafteten dann führt, werden sie wieder an die Wand gestellt.
Als ihnen der Gastwirt Kaffee geben will, erwidern die Soldaten: „Die brauchen keinen Kaffee mehr“.

Die Ermordung der Verhafteten ist von Anfang an geplant, die „Vernehmung“ eine reine Farce. 

05.05.1919

München-Haidhausen * Der 19-jährige Konrad Zeller sagte als Zeuge folgendes aus:
„Gleich nach unserer Ankunft im Hofbräukeller mussten wir in Reihe antreten. Jemand, wer weiß ich nicht, gab den Befehl: ‚Ludwig raus‘. Ludwig wurde von 2 Soldaten hinter das Auto geführt. Gleich darauf krachte es 2 oder 3 mal. Ich glaube, dass Ludwig sofort erschossen worden ist“.

Gegen Mittag werden die übrigen elf Perlacher von Erschießungskommandos hingerichtet.

Bei den Ermordeten handelte es sich um den bereits erwähnten „Hafnermeister“ Josef Ludwig sowie die „Hilfsarbeiter“ Artur Koch, Johann Keil, Sebastian Hufnagel, Albert Dengler, sowie den „Arbeiter“ Albert Krebs, der Schweizer Staatsbürger war, weiters um den „Schreiner“ Georg Jakob, den „Maurer“ Josef Jakob, den „Eisenbahnarbeiter“ Georg Eichner, den „Arbeiter“ Konrad Zeller, den „Korbmacher“ August Stöber und den „Former“ Johann Fichtl.

Josef Ludwig war Vorsitzender des Perlacher „Arbeitersrats“, dem aus dem Kreis der Ermordeten noch Josef Jakob und August Stöber angehörten. Außerdem war Ludwig Mitglied im „Gemeindeausschuss“ und stand dem wichtigen „Lebensmittelausschuss“ vor.

Von den zwölf Ermordeten waren zehn Mitglieder der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - USPD“. Zwei der Getöteten waren Junggesellen; insgesamt wurden zehn Frauen zu Witwen, die sich um 46, davon 35 minderjährige Kinder [!], sorgen mussten. 

München * Die Angehörigen der „Garnison München“ haben sich umgehend wieder in ihren Kasernen einzufinden. 

München * „Soldatenräte“, die die „Kommandogewalt“ übernommen hatten, sind abgesetzt.

Ab sofort übernehmen wieder „Kommandeure“ den Befehl über die Truppe. 

München * Der „Schienen-Nahverkehr“ wird von „Hauptbahnhof“ aus wieder aufgenommen.
Der Fernverkehr sowie jeder vom „Ostbahnhof“ ausgehende Verkehr bleibt gesperrt. 

München * Der Fernsprech- und Telegrafenverkehr in andere Ortsnetze ist vorläufig nur den Behörden und der Presse erlaubt.
Berlin ist nicht erreichbar. 

München * Das „Justizministerium“ erklärt, dass Urteile der „Revolutionstribunale“ null und nichtig sind und Strafen nicht vollstreckt werden. 

München * Das von der „Räteregierung“ ausgegebene Papiergeld wird vom „Finanzministerium“ als „ungültig“ erklärt. 

München * Wegen der vielen Leichen finden die Beerdigungen jetzt auf den Münchner Friedhöfen vor- und nachmittags statt. 

München - Freistaat Bayern * Die Leitung der Volksschulen wird Lehrerräten übertragen.

An größeren Schulen, wo die Schulleitung nicht ehrenamtlich zu besorgen ist, kann die Gemeindeverwaltung auf Vorschlag des Lehrerrats einen Lehrer hauptamtlich mit der Schulleitung beauftragen. Er ist jedoch nicht Vorgesetzter anderer Lehrer. 

06.05.1919

München-Maxvorstadt * In ihrem Vereinslokal (Augustenstraße 41) werden am Abend 26 Mitglieder des „Katholischen Gesellenvereins St. Joseph“ aufgrund der falschen Angaben eines Denunzianten, es handle sich um Spartakisten, verhaftet.

21 „Kolpinggesellen“ werden im Keller des Prinz-Georg-Palais am Karolinenplatz 5 durch Soldaten der Regierungstruppen misshandelt und auf grauenvolle Weise - ohne Verhör und ohne Urteil - unschuldig ermordet.

München-Giesing * Auf Seiten der Freikorps gibt es nach einem Bericht des Bayerischen Schützenkorps seit Ausbruch der Kämpfe in Giesing 6 Tote und 33 Verwundete. 

Auf der Gegenseite aber rund 200 Tote und eine nicht festzustellende Zahl von Verletzten.

München-Kreuzviertel * Kardinal Michael von Faulhaber kommt von seiner „Firmungsreise“ wieder nach München zurück. 

07.05.1919

München * Der Straßenbahnbetrieb, der Eisenbahn-Personenverkehr und der Fernsprechverkehr haben vollumfänglich ihren Betrieb wieder aufgenommen.
Auch die „Münchner Börse“ ist wieder eröffnet.

„Stadtkommandant“ Adolf Herrgott (der hieß tatsächlich so) fordert in einem mit „Letzte Warnung“ überschriebenen Aufruf zur endgültigen Ablieferung aller Waffen bis spätestens 8. Mai 1919, 18 Uhr, auf. Anderenfalls droht die Bestrafung „nach dem Kriegszustandsgesetz“

Versailles * Übergabe des Entwurfs für den Versailler Vertrag an die Delegierten des Deutschen Reichs

08.05.1919

München * Das Freikorps Werdenfels präsentiert sich der Bevölkerung bei einem Marsch durch die Münchner Innenstadt.

München * Erst jetzt enden die Kämpfe in München.

  • Die Zahl der Opfer wird offiziell mit 557 Menschen angegeben.
  • 145 sind in militärischen Auseinandersetzungen gefallen,
  • 186 hat man „standrechtlich“ erschossen und
  • 226 werden noch nach der Einnahme der Landeshauptstadt ermordet.

Neueste Schätzungen gehen allerdings von bis zu 1.200 Opfern aus. 

09.05.1919

München * Im Regierungsorgan „Freistaat“ wird ein Dankschreiben des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann an General Ernst Friedrich Otto von Oven veröffentlicht.

„Für die umsichtige Leitung und Durchführung der zur Befreiung Münchens aus der Hand der Bolschewisten notwendigen militärischen Operationen spreche ich [...] den herzlichsten Dank aus.
Größte Anerkennung gebührt den aus allen Gauen Deutschlands herbeigeeilten Truppen, die in selbstloser Opferbereitschaft unserm bedrängten Bayernlande und dem ganzen Reiche den größten Dienst erwiesen. [...].
Der Gefallenen gedenken wir in tiefer Trauer und ehrender Anerkennung“

10.05.1919

München * Nach der blutigen Niederschlagung der „Räterepubliken“ kehrt Dr. Fritz Gerlich wieder nach München zurück.

Er überarbeitet dort das „antikommunistische Material für die Aufklärung und Erziehung der Reichswehr“ und tritt als Redner vor den Soldaten auf.

München * Pater Rupert Mayer hält die Predigt beim Begräbnis der 21 „Kolpinggesellen“, die von den „Weißen Truppen“ bestialisch ermordet worden sind.

München - Weilheim - Garmisch * Das „Freikorps Werdenfels“ verlässt München. 

In Weilheim und Garmisch-Partenkirchen werden die „Befreier Münchens“ begeistert empfangen.

München-Lehel * In der Nacht um 1 Uhr fallen an der „Maximiliansbrücke“ 15 bis 20 Gewehrschüsse. 

München-Obergiesing * Die in der „Martin-Schule“ stationierten Posten der „Regierungstruppen“ werden in der Nacht dreimal angegriffen. 

München * Gründung der „Deutschen Bürgervereinigung“ in München. 

München * Eine „Volksaufklärungsstelle für Bayern“ wird in München gegründet. 

München * Die „Polizeistunde“ wird auf 22 Uhr festgesetzt.

Zwischen 22 Uhr und 5 Uhr ist der Aufenthalt auf öffentlichen Straßen und Plätzen verboten. 

München * Seit dem Einmarsch der „Weißen Truppen“ wurden folgende Waffen abgeliefert:

  • 169 leichte Geschütze,
  • 11 schwere Geschütze,
  • 760 Maschinengewehre,
  • 21.351 Gewehre, Karabiner und Pistolen,
  • 70.000 Stichwaffen,
  • 300.000 Handgranaten und
  • 8 Millionen Patronen. 

12.05.1919

München * Einstellungsbeginn für die Münchner Einwohnerwehr.

13.05.1919

München * Eugen Leviné wird verhaftet und des Hochverrats angeklagt. 

14.05.1919

München * Die bürgerlichen Parteien in München fordern von der Regierung:

  • Die „sofortige Wiederherstellung der gesetzmäßigen Zustände“
  • die „Wiederaufnahme eines geregelten Polizeibetriebes“;  
  • die „Entwaffnung der Roten Armee“;  
  • die „Aufstellung einer Volkswehr“;  
  • „durchgreifende Maßnahmen zur Sicherung der demokratischen Verfassung“;
  • die „Festnahme und Bestrafung der für die ungesetzlichen Zustände verantwortlichen Führer“ und
  • die „Ausweisung aller politisch nicht einwandfreien landfremden Elemente“.

Da die Abgabe der Waffen und Munition nur zögerlich vonstatten geht, werden Belohnungen ausgesetzt.

17.05.1919

München-Au * Erstes Zusammentreten des „Standgerichts München“.

20.05.1919

München - Rorschach * Der päpstliche Nuntius Eugenio Pacelli hält sich bis zum 8. August 1919 in Rorschach auf. 

21.05.1919

München * Die ehemaligen „Volksbeauftragten für Finanzen“ Silvio Gesell [1. Räterepublik] und Emil K. Maenner [2. Räterepublik] werden verhaftet.

München * Die „Polizeistunde“ wird auf 23 Uhr festgelegt.
Danach dürfen nur Personen mit besonderer Berechtigung die öffentlichen Straßen und Plätze betreten.

München-Kreuzviertel * Die 17-jährige Auguste Pielmaier, Tochter eines Haidhauser Steinmetzmeisters, stürzt sich vom nördlichen Turm der „Frauenkirche“

28.05.1919

Bamberg * Dem in Bamberg tagenden Landtag wird der Entwurf einer Verfassung vorgelegt. 

31.05.1919

Bamberg * Umbildung der „Regierung Hoffmann“ in Bamberg.

Berlin * Der Leichnam der am 15. Januar 1919 ermordeten Rosa Luxemburg wird im Landwehrkanal entdeckt. 




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