Münchner Revolutionsgeschichte 1918/19

01.03.1919

München-Kreuzviertel - München-Theresienwiese * Der „Rätekongress“ wählt einen „Aktionsausschuss“.  

Noch während der Sitzung kommt es auf der „Theresienwiese“ zu einer Demonstration gegen die „Verhaftungen vom Vortag“ und für die „Proklamation der Räterepublik“.
Die daraufhin aufmarschierende „Republikanische Schutztruppe“ schießt wahllos in die Menge, tötet drei Menschen und verletzt neun schwer.

Die Nachricht wird im „Rätekongress“ mit einer Mischung aus Erleichterung und Abscheu aufgenommen.

Die „Radikalen“ sehen darin den völligen „Bankrott der Sozialdemokratie“.
Für sie erklärte der „Anarchist“ Gustav Landauer: „In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die Sozialdemokratische Partei“.  

München-Kreuzviertel * Nachdem am Tag zuvor beschlossen worden ist, dass die „Einberufung des Landtags“ auf unbestimmte Zeit verschoben wird, bestimmt der „Rätekongress“ am Nachmittag des 1. März die neuen „Minister“.  

  • Der gemäßigte [!] „Mehrheitssozialdemokrat“ Martin Segitz wird „Ministerpräsident“ und leitet zudem noch das „Außen- und Innenministerium“,  
  • Ernst Niekisch [SPD] ist zuständig für „Unterricht und Kultus“,  
  • Fritz Endres [SPD] für „Justiz“,  
  • Richard Scheid [SPD] für „militärische Angelegenheiten“,
  • Joseph Simon [USPD] für „Handel, Gewerbe und Industrie“,
  • Edgar Jaffé [USPD] für „Finanzen“,  
  • Hans Unterleitner [USPD] für „soziale Angelegenheiten“ und
  • Theodor Dirr [BBB] für „Land- und Forstwirtschaft“.  
  • Der parteilose Heinrich von Frauendorfer übernimmt das „Verkehrsministerium“.  

Nun müssen nur noch die betroffenen politischen Parteien ihren Mitgliedern die Annahme des „Ministeramtes“ gestatten.  

Die Regierung amtiert bis zum 18. März. 

München * Sämtliche Münchner Truppenteile sprechen in einer Entschließung dem „Stadtkommandanten“ Oskar Dürr, dem die  Abteilung der „Republikanischen Schutztruppe“ untersteht, die auf der „Theresienwiese“ das Blutbad mit drei Toten hinterlassen hat, das Vertrauen aus.  

Sie fordern

  • die „sofortige Einsetzung eines rein sozialistischen Ministeriums unter Ausschaltung der Kommunisten und Spartakisten“,  
  • die „Bewaffnung der Arbeiterschaft“ und  
  • eine „Vernünftige Pressezensur, die jede Partei zu Wort kommen lässt“

München * Flugzeuge werfen über München Flugblätter ab.  

Der Inhalt spricht sich gegen eine „Diktatur der Kommunisten“ aus. 

München * In den Postämtern kommen Briefmarken des „Freistaats Bayern“ zur Ausgabe.  

Es sind Marken der letzten Ausgabe mit dem Königsbild, das schwarz mit „Volksstaat Bayern“ überdruckt sind. 

02.03.1919

München * In einer Erklärung geben die Münchner Kasernenräte bekannt, dass sie sich hinter die neugewählte Regierung stellen wollen. 

München * Das Münchener Tagblatt veröffentlicht das vom 20. Februar datierte und von Kurt Eisner unterschriebene Vorläufige bayerische Staatsgrundgesetz. 

Berlin * Die USPD trifft sich in Berlin zu einem außerordentlichen Parteitag. Er dauert bis zum 6. März.

Hugo Haase, der Parteivorsitzende der USPD, spricht der SPD den Willen ab, eine antikapitalistische Politik betreiben zu können und zu wollen. 

Weimar - Halle * Reichswehrminister Gustav Noske erteilt dem Generalmajor Georg Ludwig Rudolf Maercker den Befehl, mit seinem Landesjägerkorps in Halle einzumarschieren.

An diesem 2. März verkündet Maercker den Belagerungszustand. In den nächsten Tagen kommt es bei der Bevölkerung von Halle zu 29 Toten und 67 Verwundeten. 

03.03.1919

München * Die Kasernenräte kritisieren in einem öffentlichen Aufruf die Ausgabe der Waffen an freigewerkschaftlich organisierte und sozialistischen Parteien angehörenden Arbeitern, weil dabei Spartakisten bevorzugt worden sind. 

München * Die polizeilich vorgegebene Frist zur Abgabe aller Schusswaffen endet an diesem Tag. 

Berlin * Am Abend wird der Belagerungszustand über Groß-Berlin verhängt. Das bedeutet,

  • dass die vollziehende Gewalt auf den Reichswehrminister übergeht,
  • dass die Pressefreiheit,
  • das Vereins- und Versammlungsrecht und
  • die Unverletzlichkeit der Wohnung

außer Kraft gesetzt werden.

Berlin * Die Vollversammlung der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte beschließt - bei Enthaltung der sozialdemokratischen Delegierten - einen Generalstreik.

Die Streikziele sind rein politische. Es geht um

  • die Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenräte,
  • die sofortige Durchführung der Hamburger Punkte zur militärischen Kommandogewalt,
  • die Freilassung aller politischen Gefangenen,
  • die sofortige Bildung einer revolutionären Arbeiterwehr,
  • die sofortige Auflösung aller Freikorps,
  • die Aufnahme politischer und wirtschaftlicher Beziehungen zu Sowjetrussland sowie
  • umfassende Kompetenzen für Arbeiter- und Soldatenräte auf wirtschaftlichem Gebiet

Berlin * In Berlin werden Polizeireviere gestürmt und über 1.000 Gewehre und Maschinengewehre erbeutet. Fünf Polizeibeamte kommen ums Leben. 

04.03.1919

München * In München halten sich immer mehr Personen vorübergehend auf, bei denen es sich hauptsächlich um existenzlose Menschen handelt. Der Magistrat will diesen sich vorübergehend in der Stadt aufhaltenden Personen höchstens 14 Tage eine Unterstützung zukommen lassen.  

Die selbstständige Stadt Pasing hat den Fremdenzuzug wegen Wohnungsmangel bereits unterbunden. 

Weimar - Berlin * Reichswehrminister Gustav Noske erteilt dem General Walther von Lüttwitz den Befehl, Berlin zu besetzen und „rücksichtslos“ die Ordnung wiederherzustellen.

Die Truppe besteht aus über 30.000 Mann, zu denen auch die Garde-Kavallerie-Schützen-Division gehört. 

Berlin * Am Nachmittag kommt es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen (Freikorps) und der Republikanischen Soldatenwehr, die von den übrig gebliebenen Resten der Volksmarinedivision unterstützt wird.

Es kommt zu ersten Opfern bei den Zivilisten und den Aufständischen

05.03.1919

München-Untergiesing * Auf dem städtischen Heumarkt an der Schyrenstraße findet der traditionelle Aschermittwoch-Pferdemarkt statt. Mit 930 Pferden ist das Angebot sehr umfangreich, die Geschäfte gehen aber schlecht. 

München * Eugen Leviné kommt im Auftrag der Berliner KPD-Zentrale nach München, um hier die Ortsgruppe zu reorganisieren und die Redaktion der Münchner Roten Fahne zu übernehmen. Ihm folgen in den nächsten Wochen weitere Parteimitglieder.

Eugen Leviné verweigert sich der Zusammenarbeit mit der SPD, die bislang als die schärfste Gegnerin der Kommunisten aufgetreten ist. 

Vilshofen ? * Der Bayerische Bauernbund - BBB lädt Mittags zu einer Volksversammlung, dem ersten Politischen Aschermittwoch, ein, nachdem am Vormittag eine Vertrauensmännerversammlung abgehalten worden war.

Der Bayerische Bauernbund ist im Bayerischen Landtag mit Abgeordneten vertreten. In der anstehenden Auseinandersetzung zwischen dem Parlament und dem Zentralrat der Republik Bayern hat sich der BBB für die Verwirklichung eines Rätesystems ausgesprochen.

Als Redner treten auf:

  • Der Landtagsabgeordnete Joseph Klarhauser und
  • der Delegierte des Arbeiter- und Bauernrats Leitner. 

Königsberg * Nachdem Anfang März Königsberg ohne ersichtlichen Anlass von Regierungstruppen besetzt worden ist, kommt es an diesem 5. März zu einer Militäraktion, bei der 25 Zivilisten sterben müssen. 

06.03.1919

München * Die Landtagsfraktion der Bayerischen Volkspartei - BVP bekennt sich zur republikanischen Staatsform. 

München * Die Fleischversorgung Münchens lässt stark zu wünschen übrig. Die ständigen Unruhen in der Stadt haben die Bauern verunsichert und verbittert. 

Berlin * Der Generalstreik wird auf die Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke ausgeweitet. 

07.03.1919

München * Ein Mitglied einer amerikanischen „Lebensmittelkommission“ besichtigt gemeinsam mit Ernst Toller Proletarierwohnungen. 

Toller berichtet dem „Arbeiter-Soldaten-Bauern-Rat“, dass Amerika alles unternehmen werde, um die Münchner Bevölkerung mit Fleisch, Milch, Mehl, Reis, Butter, Gummi usw. zu versorgen. 

München-Bogenhausen * Eine Bande plündert Villen im Osten der Stadt. Mit Gewehren, Pistolen und Handgranaten stürmen sie die Häuser und rauben Bargeld, Schmuck, Waffen und sonstige Wertgegenstände. 

Berlin * Die Sozialdemokraten beantragen in der Vollversammlung des Berliner Arbeiterrats die sofortige Beendigung des Generalstreiks.

Auch die Gewerkschaftskommission empfiehlt den Abbruch des Streiks

08.03.1919

München * SPD, USPD und der Bauernbund legen dem Rätekongress einen gemeinsamen Antrag auf „sofortige Einberufung des Landtags“ vor. Der Rätekongress nimmt den Antrag gegen die Stimmen der extremen Linken an. 

Berlin * Die Vollversammlung des Berliner Arbeiterrats beschließt - mit den Stimmen der USPD-Vertreter - den Generalstreik zu beenden. 

09.03.1919

Weimar - Berlin * Reichswehrminister Gustav Noske reagiert umgehend auf den sogenannten „Lichtenberger Gefangenenmord“ und erteilt einen Schießbefehl:

„Die zunehmende Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten zwingen mich zu befehlen: Jede Person, die im Kampf gegen die Regierungstruppen mit der Waffe in der Hand angetroffen wird, ist sofort zu erschießen“.

Was zunächst nur für die Niederschlagung der Aufständischen der Berliner Märzkämpfe gilt, wird am 25. April schließlich auch im Freistaat Bayern umgesetzt. An diesem Tag wird das Standrecht eingeführt, das bis zum 1. August 1919 gilt. 

Berlin * Das Wollf‘sche Telegraphenbüro meldet einen „gemeinen Massen- und Meuchelmord“ an sechzig Polizeibeamten und einigen Dutzend Regierungssoldaten, die von Spartakisten „wie Tiere abgeschlachtet“ worden sind.

Der Mord an den „wehrlosen Gefangenen“ wird sofort und ungeprüft von den seriösen bürgerlichen Zeitungen übernommen. Der sogenannte „Lichtenberger Gefangenenmord“ ist sofort in aller Munde. 

10.03.1919

München * Ernst Toller wird zum Vorsitzenden der Münchner USPD gewählt. 

11.03.1919

München-Obergiesing * In Stadelheim verhandelt das Volksgericht über 21 zumeist jugendliche Angeklagte, die am 21. Februar zum Teil gewaltsam in Häuser eingedrungen sind und plünderten. 

München-Angerviertel * Rund 8.000 Heringe werden an der Nordseefischhalle auf dem Viktualienmarkt verkauft. 

Jeder Käufer kann maximal zwei Heringe erhalten. In einer Doppelreihe stehen die Menschen von der Fischhalle über die Freibank um die Heiliggeist-Kirche

Berlin * Oberleutnant Otto Marloh lässt 29 Angehörige der Volksmarinedivision gefangen nehmen und auf der Stelle erschießen. 

12.03.1919

München * Die Münchner USPD spaltet sich von der Gesamtpartei ab.

In einer Entschließung bekennt sie sich eindeutig  

  • zum Rätesystem,  
  • zur Diktatur des Proletariats und  
  • zur gemeinsamen Arbeit mit der KPD

13.03.1919

München * Es gibt nur noch alle zwei Tage ein Achtel Liter Milch auf Lebensmittelkarten. 

Weimar * Die Weimarer Nationalversammlung beschließt die Sozialisierung geeigneter Betriebe. 

Berlin * Die Vossische Zeitung teilt ihren Lesern mit, dass „sich alle Nachrichten über die Massenerschießungen von Schutzleuten und Kriminalbeamten als unwahr erwiesen haben“

Weimar * Reichswehrminister Gustav Noske rechtfertigt vor der Nationalversammlung seinen Schießbefehl:

Auf „juristische Tüfteleien“ lasse er sich nicht ein; es sei ein Gebot der Staatsräson gewesen, so rasch wie möglich Ruhe und Sicherheit wieder herzustellen.

Den Schießbefehl nimmt er noch nicht zurück. 

Berlin * Harry Graf Kessel notiert in sein Tagebuch:

„Alle geistig und ethisch anständigen Menschen müssen einer so leichtsinnig und frech mit dem Leben ihrer Mitbürger spielenden Regierung den Rücken kehren. Die letzten acht Tage haben durch ihre Schuld, durch ihr leichtfertiges Lügen und Blutvergießen, einen in Jahrzehnten nicht wieder zu heilenden Riss in das deutsche Volk gebracht. Die Stimmung gegen sie heute Abend wechselt zwischen Abscheu und Verachtung“

15.03.1919

München * Die seit drei Wochen andauernde Zensur der bürgerlichen Presse durch den Zentralrat wird aufgehoben.

Bereits seit dem 25. Februar konnten wieder alle bürgerlichen Blätter erscheinen, allerdings bis zum 15. März nur unter einer - mäßig strengen - Vorzensur.

Berlin - Weimar * Die Kommission zur Erarbeitung eines Sozialisierungskonzepts, die am 3. Februar 1919 ihren Rücktritt erklärt hatte, tritt vom Rücktritt zurück. 

16.03.1919

München-Maxvorstadt * Im Odeon findet eine Trauerfeier für Kurt Eisner statt. Heinrich Mann und Minister Hans Unterleitner halten die Gedenkrede

Heinrich Mann sagte: „Die hundert Tage der Regierung Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernuft, mehr Bewegung der Geister gebracht, als die fünfzig Jahre vorher. Sein Glaube an die Kraft des Gedankens, sich in Wirklichkeit zu verwandeln, ergriff selbst Ungläubige“

München-Kreuzviertel * Der Rätekongress räumt auf Verlangen des Innenministers das Landtagsgebäude in der Prannerstraße, um Platz zu machen für den am nächsten Tag zusammentretenden Bayerischen Landtag.  

Auch die rote Fahne am Dach wird entfernt. 

Berlin * Die Kämpfe in Berlin gegen die Aufständischen gehen zu Ende. 

Weimar - Berlin * Obwohl sich herausgestellt hat, dass es sich bei der Nachricht um den „Lichtenberger Gefangenenmord“ um eine Falschmeldung handelt, wird der „Noske-Schießbefehl“ vom 9. März erst am 16. März wieder zurückgenommen.

Insgesamt haben nach vorsichtigen Schätzungen 1.200 Menschen in den Berliner Kämpfen ihr Leben verloren, darunter 75 Angehörige der Regierungstruppen.

Später wird als Urheber der Falschmeldung der Erste Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, Waldemar Pabst, entlarvt. Der Befehlsgeber zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg hat die Meldung gezielt durch seine Propagandaabteilung verbreiten lassen. 

17.03.1919

München-Kreuzviertel * Der Bayerische Landtag tritt unter erhöhten Sicherheitsmaßnahmen zu seiner ersten Sitzung seit dem 21. Februar zusammen.  

Eine neue Regierung unter dem Vorsitz des Mehrheitssozialdemokraten Johannes Hoffmann wird eingesetzt und mit einem Ermächtigungsgesetz mit umfangreichen Vollmachten ausgestattet. 

Johannes Hoffmann wurde auf der Basis des noch von Kurt Eisner vorbereiteten Vorläufigen Staatsgrundgesetzes vom 17. März 1919 zum Ministerpräsidenten des Freistaats Bayern gewählt. Er wird deshalb auch als erster parlamentarischer, also vom Vertrauen des gewählten Landtags getragener Ministerpräsident bezeichnet.

Aus diesem Grund ist - bis zum heutigen Tag -  in der Bayerischen Staatskanzlei in der Galerie der Ministerpräsidenten kein Bild von Kurt Eisner aufgenommen worden. 

18.03.1919

München-Kreuzviertel * Die neue bayerische Regierung wird bekannt gegeben:

  • Ministerpräsident Johannes Hoffmann [SPD] übernimmt das Ministerium des Äußeren sowie das Ministerium für Unterricht und Kultus,
  • Fritz Endres [SPD] wird Justizminister,
  • Martin Segitz [SPD] übernimmt das Ministerium des Inneren,
  • Staatsrat von Merkel übernimmt in Vertretung das Finanzministerium,
  • Heinrich Ritter von Frauendorfer [Parteilos] leitet das Verkehrsministerium,
  • Hans Unterleitner [USPD] steht an der Spitze des Ministeriums für Soziale Fürsorge,
  • Josef Simon [USPD] übernimmt das Ministerium für Handel und Gewerbe,
  • Martin Steiner [Bayerischer Bauernbund] führt das Landwirtschaftsministerium und
  • Ernst Schneppenhorst wird Minister für militärische Angelegenheiten.

Mit großer Mehrheit wird das Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels angenommen.

Danach vertagt sich der Landtag wieder. 

Die Koalitionsregierung wird von Anfang an von der revolutionären Arbeiterschaft abgelehnt und kann auch im weiteren Verlauf kein Vertrauen gewinnen, weil sie sich gegen Zugeständnisse in der Rätefrage sperrt und von ihr „keine ernsthafte Sozialsierungspolitik“ zu erwarten ist. 

19.03.1919

München-Untergiesing * Auf dem „Heumarkt“ an der Schyrenstraße wird mit rund 800 Pferden der „Fasten-Pferdemarkt“ abgehalten. 

Die Kauflust hat sich gegenüber dem „Aschermittwoch-Pferdemarkt“ erhöht.

München-Kreuzviertel * Die neu ernannten Minister kommen zu ihrer ersten Sitzung zusammen. 

20.03.1919

Weimar * Das Sozialisierungsgesetz erklärt die Zuständigkeit des Reiches und kündigte die Verstaatlichung von Schlüsselbetrieben im Bergbau an.

Spätestens im Sommer 1919 ist klar, dass es im Deutschen Reich nicht zu durchgreifenden Sozialisierungsmaßnahmen kommen wird. 

21.03.1919

München-Au * Im Gerichtsgebäude am Mariahilfplatz stürmen während der Verhandlung gegen Plünderer Zuhörer den Sitzungssaal. Sie wollen die Verurteilten befreien. Doch das Vorhaben misslingt. 

Ungarn * In Ungarn wird eine sozialistische Räterepublik ausgerufen. Sie bestärkt die Münchner Räteanhänger in ihren Forderungen. Man hofft auf eine Verbindung von Bayern mit Österreich, Ungarn und Russland.

Der in Bayern schon lange gepflegte Preußenhass verbindet sich mit der Räte-Idee

München * Der Philosoph und Nationalökonom Otto Neurath stellt dem bayerischen Ministerrat seine Sozialisierungspläne vor. Er erhält den Auftrag, seine Pläne im Sozialisierungsausschuss und im Landtag vorzustellen. 

22.03.1919

München * Die München-Augsburger Abendzeitung wendet sich in einem Artikel gegen das vom Bayerischen Landtag vier Tage zuvor beschlossene Gesetz über die Aufhebung des bayerischen Adels.

Schloss Wildenwart * Ex-Prinzessin Wiltrud notiert in ihr Tagebuch: „So lange Papa und Rupprecht etwas zu sagen gehabt hatten, wäre es nie so weit gekommen. Die Saubande von Juden-Preußen in München hat uns um unser Vaterland gebracht, wir werden jetzt eine Art Provinz des Reiches“

Weimar * Auf der erste Parteikonferenz der SPD nach dem Krieg kommt es zu kontroversen Diskussionen in der Frage der Installation von Betriebsräten.

Carl Legien, der Vorsitzende der Generalkommission der freien Gewerkschaften, warnt davor, den Arbeiterräten das Recht der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen zuzugestehen. Denn „dann haben die Gewerkschaften keine Existenzberechtigung mehr“

23.03.1919

Weimar * Die SPD-Parteikonferenz beschließt die Einführung der Betriebsräte:

„Zur Mitwirkung an Sozialisierungsmaßnahmen, zur Kontrolle sozialistischer Betriebe, zur Überwachung der Gütererzeugung und Verteilung im gesamten Wirtschaftsleben sind gesetzlich geordnete Arbeitervertretungen zu schaffen.

In dem zu diesem Zweck schleunigst zu schaffenden Gesetz sind Bestimmungen zu treffen über die Wahl und Aufgaben von Betriebs-, Arbeiter- und Angestelltenräten, die bei der Regelung der allgemeinen Arbeitsverhältnisse gleichberechtigt mitzuwirken haben.

Es sind weiter Bezirksarbeiterräte und ein Reichsarbeiterrat vorzusehen, die vor dem Erlass wirtschaftlicher und sozialpolitischer Gesetze ebenso wie die Vertretungen aller übrigen schaffenden Stände gutachtlich zu hören sind und selbst Anträge auf Erlass solcher Gesetze stellen können.

Die entsprechenden Bestimmungen sind in der Verfassung der deutschen Republik festzulegen“

24.03.1919

Witten * Im rheinisch-westfälischen Witten kommt es am 24. und 25. März zu schweren Zusammenstößen zwischen demonstrierenden Arbeitern und der Polizei. Das Ergebnis sind elf Tote und viele Verwundete.

Die Unruhen lösen eine neue große Streikwelle in der Region aus. 

25.03.1919

München-Kreuzviertel * Dr. Karl Neumaier übernimmt das Ministerium der Finanzen im 1. Kabinett Hoffmann

München * Unter der großstädtischen Arbeiterschaft wird die Idee der Sozialistischen Räterepublik wieder enorm populär. Man sieht in ihr das Allheilmittel gegen die unerträglich scheinenden wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten.

München * Otto Neurath, Philosoph und Nationalökonom, tritt vor dem Landtag auf und stellt seine Sozialisierungs-Pläne vor.

Der planwirtschaftliche Ansatz ruft Sympathien selbst bei Sebastian Schlittenbauer von der Bayerischen Volkspartei hervor. Das liegt an der zu dieser Zeit besonders großen Bedeutung des Genossenschaftswesens für die BVP

26.03.1919

München * Der Philosoph und Nationalökonom Otto Neurath stellt dem Sozialisierungsausschuss des Landtags seine Sozialisierungs-Pläne vor.

Der Ausschuss äußert Bedenken. 

27.03.1919

München * Der Ministerrat beschließt einstimmig die vom Nationalökonomen Otto Neurath vorgeschlagene Einrichtung eines Zentrallandwirtschaftsamtes.

Ministerpräsident Johannes Hoffmann versucht die Berufung Neuraths zum Leiter dieses Amtes zu verhindern, kann sich aber nicht durchsetzen. 

28.03.1919

München * Das Gesetz über die Abschaffung des Adels wird beschlossen.

Die Sozialdemokraten gehen wie selbstverständlich davon aus, dass im Rahmen des allgemeinen Gleichheitsgrundsatzes mit dem Gesetz zugleich das Recht, Adelsnamen zu führen, entfallen ist. 

29.03.1919

München * Dipl.-Ing. Otto Ballerstedt vom Bayerischen Bauernbund - BBB legt in einer von ihm einberufenen Versammlung Protest gegen die im Entwurf der Weimarer Verfassung beabsichtigte Beseitigung der bayerischen Reservatsrechte ein.

Er sagt: „Für Großpreußen haben wir in Süddeutschland kein Verständnis. Wir wollen ein großes deutsches Reich mit wahrhaft gleichberechtigten Bundesstaaten“

30.03.1919

Essen * Die Schachtdelegiertenkonferenz beschließt in Essen einen unbefristeten Generalstreik. Die Forderungen sind ebenfalls politisch motiviert. Es geht um

  • die Anerkennung der Arbeiter- und Soldatenräte,
  • die sofortige Durchführung der Hamburger Punkte zur militärischen Kommandogewalt,
  • die Einführung der Sechs-Stunden-Schicht und
  • die Entwaffnung der Polizei im Industriegebiet und ganz Deutschland

31.03.1919

Weimar - Ruhrgebiet * Die Reichsregierung

  • verhängt den Belagerungszustand über das vom Streik betroffene Gebiet.
  • Kündigt den Einmarsch von Truppen an und 
  • schickt den SPD-Abgeordneten und Gewerkschaftssekretär Carl Severing als Staatskommissar ins Industriegebiet. 

In der Folge werden zahlreiche Streikführer verhaftet, um die Arbeitskampfmaßnahme zu unterlaufen und zu schwächen. 

Württemberg * In Württemberg wird ein Generalstreik ausgerufen. Er dauert bis zum 7. April 1919 an. 

München * Die Mehrheit des Ministerrats beschließt ein Statut, das den wesentlichen Forderungen des Philosophen und Nationalökonomen Otto Neuraths nachkommt. Diese zielen darauf ab, die gesamte Wirtschaft des Landes durch ein Zentralwirtschaftsamt zu lenken, das dem noch zu errichtenden Handelsministerium unterstehen soll.

Ziel ist es, mit Hilfe einer Universalstatistik einen Überblick über die vorhandenen Produktionsmittel, die Produktionsmöglichkeiten und den Produktionsbedarf zu gewinnen, der dann von einer Naturalrechnungszentrale für die Erstellung von Wirtschaftsplänen ausgewertet werden soll.

  • Eine Kompensationszentrale soll den unmittelbaren Warenaustausch mit dem Ausland regeln.
  • Eine Rationalisierungszentrale die modernen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Betriebsführung nach Frederick Taylor zur Anwendung bringen, für Normierung und Typisierung sorgen und insbesondere die Arbeits- und Berufsforschung fördern.
  • Eine Kontrollzentrale soll die Auswirkungen der Sozialisierungsgesetzgebung auf die Wirtschaft dauernd überprüfen.
  • Eine Aufklärungszentrale soll die Arbeit des Zentralwirtschaftsamtes dem Volk nahe bringen.

Ebenfalls noch am 31. März genehmigt der Ministerrat den Personaletat für das neue Amt. Zum Sitz des Amtes wird das Prinz-Carl-Palais bestimmt. 




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