Münchner Revolutionsgeschichte 1918/19

Februar

München-Bogenhausen * Die Baufirma Heilmann & Littmann will in den Fleischer-Palast 110 Kleinwohnungen unterbringen. 

Ein weiterer Plan war, das Gebäude abzureißen und das Gelände in 30 Villenbauplätze aufzuteilen.

01.02.1918

München * Am frühen Morgen dieses Freitags werden Sarah Sonja Lerch, Carl Kröpelin, Hans Unterleitner sowie die Schwestern Betty und Emilie Landauer verhaftet. 

Kotor * Auf den in der „Bucht von Kotor“ vor Anker liegenden 40 Schiffe der „k.u.k.-U-Bootflotte“ kommt es zum „Matrosenaufstand von Cattaro“.

6.000 Matrosen hissen die roten Fahnen und verlangen den „sofortigen Friedensschluss“

München-Maxvorstadt * Nach der Verhaftung von Kurt Eisner und anderen USPD-Streikführern gewinnt die MSPD-Führung wieder Einfluss auf die Streikenden.

In einer Versammlung der Bayerischen Flugzeugwerke im Löwenbräukeller fordert Erhard Auer zur „Mäßigung und zur Beendigung des Streiks“ auf. 

München-Schwabing * Am Vormittag treffen sich die streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter der Bayerischen Geschützwerke, Teile der Belegschaft der Lokomotivfabrik Maffei sowie die Arbeiterinnen und Arbeiter der Lederfabrik Gebrüder Hesselberger und des BMW-Werkes zur Auftaktveranstaltung in der Schwabinger Brauerei.

Im Anschluss ziehen sie in einem Protestmarsch zum Polizeipräsidium in der Ettstraße.

Stand bisher die Friedensfrage im Mittelpunkt, so wird nach der Verhaftungsaktion die Freilassung der Gefangenen zur Hauptaufgabe. Zu diesem Zweck hat die Versammlung eine vierköpfige Kommission gewählt, die beim Polizeipräsidenten die Freilassung der Inhaftierten erwirken soll.

Da - nach Aussage des Polizeipräsidenten - die Polizei keine Einflussmöglichkeiten auf die gerichtlichen Entscheidungen hat, muss die Kommission ohne Ergebnis wieder abziehen. 

München-Ludwigsvorstadt * Die streikende „BMW-Arbeiterschaft“ hält ihre Versammlung im „Mathäserbräu“ ab.

Um die Mittagszeit marschiert sie zu den „Präzisionswerken Deckel“

München-Schwabing * Die Streikenden der „Bayerischen Geschützwerke“ beenden ihren „Protestmarsch“ zu einer Kundgebung in der „Schwabinger Brauerei“.

Im Anschluss ziehen sie weiter zur „Maffei-Maschinenfabrik“

München * Am Nachmittag und Abend dieses Tages finden noch weitere Versammlungen der Belegschaften verschiedener Betriebe statt. 

München * Ministerpräsident Otto von Dandl dankt den bayerischen Mehrheitssozialdemokraten im Landtag dafür, dass sie die Führung der Streikbewegung übernommen haben und bringt seiner Hoffnung auf baldige Beruhigung der Lage Ausdruck. 

02.02.1918

München-Isarvorstadt * Am Abend finden im „Gewerkschaftshaus“ in der Pestalozzistraße 40/42 Einigungsverhandlungen zwischen den von der USPD geführten „Streikenden“ und der MSPD statt. Sie führen zu keinem Erfolg.

  • Die „Streikleitung“ erklärt sich allerdings mit der MSPD einverstanden, die die Forderungen der Arbeiter der „Reichsregierung“ unterbreiten will.
  • Ebenso ist sie mit der Wiederaufnahme der Arbeit am Montag, dem 4. Februar einverstanden.

Letztlich ist es den Behörden - in Zusammenarbeit mit der SPD und den Gewerkschaften - gelungen, die „Streiks“ zu beenden. 

München-Maxvorstadt * Die streikenden Arbeiterinnen und Arbeiter der Bayerischen Flugzeugwerke versammeln sich im Löwenbräukeller

München * Am Nachmittag dieses Samstags finden in den nachstehenden Betrieben Streikmaßnahmen statt:

  • Bei den „Bayerischen Flugzeugwerken“ beteiligen sich 3.000 Männer und Frauen,
  • bei den „Bayerischen Geschützwerken“ wird von 2.000 Männern und Frauen bestreikt,
  • die „Bayerischen Motorenwerke“ bestreiken 1.500 Männer und Frauen,
  • bei den „Präzisionswerken Deckel“ befinden sich hauptsächlich 1.100 Frauen im Streik. 
  • In den „Ottowerke-Maschinen- und Flugzeugfabrik“ haben etwa 1.000 Männer und Frauen die Arbeit niedergelegt,
  • in der „Zigarettenfabrik Austria“ tun dies 500 Frauen,
  • bei der „Zigarettenfabrik Philipps Carl Witwe“ sind 300 Frauen im Streik,
  • in der „Möbelfabrik Deutsche Werkstätten“ streiken 180 Männer und Frauen,
  • bei der „Lederfabrik Gebrüder Hesselberger“ haben 150 Frauen die Arbeit niedergelegt.
  • Hinzu kommen noch viele, vor allem streikende Frauen aus weiteren kleinen Betrieben.

Fazit: Am Höhepunkt der „Januarstreiks“ haben sich in München weit über 9.000 Menschen, vorwiegend aus den Münchner „Rüstungsbetrieben“, beteiligt. Der Streik wurde zu einem erheblichen Teil von Frauen getragen. 

München * Ein weiterer Versuch durch eine Kommission der streikenden Arbeiter zur Freilassung von Kurt Eisner und den anderen verhafteten USPD-Funktionären ist erneut erfolglos.
Die Abordnung erfährt nur, dass die Verhaftungen wegen Landesverrats erfolgt sind. 

München-Theresienwiese * Im Anschluss ziehen die Versammelten zur Theresienwiese, wo sich insgesamt 6.000 Streikende aus verschiedenen Betrieben einfinden.

Ein Forderungskatalog wird erarbeitet, der dem der Berliner Arbeiter entspricht:

  • Neben der Freilassung der inhaftierten Streikführer sind das
  • die Umwandlung des politischen Systems in ein demokratisches,
  • die Wiederherstellung der Koalitions-, der Presse- und der Versammlungsfreiheit,
  • die Aufhebung des Belagerungszustands und
  • die gleichmäßige Verteilung der Lebensmittel

München * Die Münchener Post berichtet, dass sich Dr. Eugen Lerch öffentlich von den politischen Aktivitäten seiner Ehefrau Sarah Sonja distanziert und er die Scheidung eingereicht hat. 

München * Von den Behörden wird Kurt Eisner für München als „geistiger Leiter und Organisator der Aufstandsbewegung“ bezeichnet, dessen Einfluss auf die Arbeiterinnen und Arbeiter ausschließlich seiner „leidenschaftlichen Redegewandtheit“ zugeschrieben wird.

Dabei ignorieren sie, dass das unbestrittene rhetorische Talent Eisners seine Wirkung nur deshalb entfalten kann, weil die Stimmungslage in der Arbeiterschaft in den verzweifelt schlechten Lebensbedingungen begründet liegt. 

03.02.1918

München-Theresienwiese * Um 10 Uhr treffen sich 2.500 bis 3.000 „Streikende“ zur letzten „Streik-Kundgebung“ unter freiem Himmel auf der „Theresienwiese“.

Eine Deputation wird gewählt, die die Forderungen vom 2. Februar 1918 bei der Regierung vortragen soll. Der der USPD angehörende Handlungsgehilfe Fritz Schröder erklärt, dass die gegenwärtige Bewegung ein Kinderspiel sei, gegen das, was noch kommen wird, wenn die Forderungen der Arbeiter abgelehnt werden würden.

Der anschließende Demonstrationszug wächst noch einmal auf 5.000 Menschen an. 

München * Ernst Toller wird wegen seiner Beteiligung an den „Januarstreiks“ verhaftet. 

04.02.1918

München * Die „Streiks“ sind beendet.
In den Fabriken wird wieder gearbeitet, doch der Anlass der „Streiks“ ist geblieben.

Die „Christlichen Gewerkschaften“ lehnen in einer Stellungnahme grundsätzlich jeden „politischen Streik“ ab.

Königreich Bayern * In den großen bayerischen „Industriestädten“ München, Nürnberg, Fürth, Schweinfurt und Ludwigshafen haben sich zusammen etwa 75.000 Beschäftigte in den Rüstungsbetrieben an den „Januarstreiks“ beteiligt. 

München * Am Nachmittag wird Lorenz Winkler wegen seiner Beteiligung an den Münchner Januarstreiks verhaftet. 

Berlin * Das Außerordentliche Kriegsgericht in Berlin verurteilt Wilhelm Dittmann wegen seiner Beteiligung am Berliner Munitionsarbeiterstreik und des versuchten Landesverrats zu fünf Jahren Festungshaft

München-Ludwigsvorstadt * Turnusgemäß findet im Wirtshaus Zum Goldenen Anker die USPD-Gesprächsrunde statt.

Alfred Gärtner hat kommissarisch den Vorsitz übernommen.
Die Stimmung ist sehr gedrückt. 

München * König Ludwig III. ermächtigt den Kriegsminister Philipp von Hellingrath für den Fall des Generalstreiks „das Standrecht je nach Lage der Verhältnisse für Bayern rechts des Rheines oder für Teile des Königreiches öffentlich zu verkünden“

München-Au * Kurt Eisner beschreibt beschreibt die Situation der Januar-Streiks in seinem Gefängnis-Tagebuch:

„Wir hatten nicht nur die Militärdiktatur gegen uns, sondern auch die Regierungssozialisten, die die gesamte politische und gewerkschaftliche Organisation fest in Händen hielten, eine Camorra, die vor keinem Mittel zurückschreckten, um sich selbst in ihrer verworfenen Stellung zu behaupten.

Wir waren nur ein kleines Häuflein, ohne die Autorität von Ämtern und Würden, ohne Geld, ohne Presse, ohne die Möglichkeit schriftlicher Propaganda“

05.02.1918

München * Nach dem Ende der Januarstreiks sinkt die Zahl der Münchner USPD sofort um ein Drittel ab und pendelt sich bei etwa 400 Anhänger ein. 

08.02.1918

München * Die am 3. Februar gewählte Deputation, die die Forderungen vom 2. Februar der Regierung vortragen soll, wird durch eine neue Kommission ersetzt.

Dazu wird eine Sitzung der Arbeiterausschüsse von 34 Münchner Betrieben einberufen. Diese wählen eine Kommission, die aus elf Betriebsvertretern und zwei MSPD-Landtagsabgeordneten besteht. Diese sollen mit der Regierung verhandeln.

Erhard Auer übernimmt die Aufgabe des Sprechers. 

09.02.1918

Brest-Litowsk * Zwischen der weitgehend von Bolschewisten besetzten Ukraine und den Mittelmächten wird in Brest-Litowsk ein Separatfrieden unterzeichnet.

Dieser Brotfriede soll die Lebensmittelversorgung der Mittelmächte sichern.
Zugleich wird die Ukraine wirtschaftlich eng an das Deutsche Reich gebunden. 

10.02.1918

Brest-Litowsk * Der russische Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten, Leo D. Trotzki, beendet in Brest-Litowsk die Verhandlungen mit den Mittelmächten aus Verärgerung über den am Tag zuvor abgeschlossenen Separatfrieden mit der Ukraine

14.02.1918

Russland * In Russland wird der gregorianische Kalender eingeführt.

Die Datierung rückt um 13 Tage vor.
Damit folgt auf den 1. Februar der 14. Februar. 

16.02.1918

München-Kreuzviertel * Die am 8. Februar gewählte Kommission wird von Ministerpräsident Otto von Dandl, Innenminister Dr. Friedrich von Brettreich und Kriegsminister Philipp von Hellingrath empfangen.

Der Sprecher der Kommission, der MSPD-Landtagsabgeordnete Erhard Auer, trägt die Wünsche der Arbeiterausschüsse vor. Die Forderung nach Freilassung der verhafteten Streikführer ist auf der Liste nicht mehr enthalten.

Die Minister beziehen freundlich zu den Forderungen und Anregungen Stellung, Zugeständnisse machen sie jedoch keine.
Der Empfang der Kommission wirkt sich dennoch beruhigend auf die Arbeiterschaft aus. 

18.02.1918

München * Der am 28. November 1917 zum „II. rechtskundigen Bürgermeister“ gewählte Hofrat Dr. Hans Küfner tritt sein Amt an.

Brest-Litowsk * Die Mittelmächte nehmen nach dem einseitigen Abbruch der Friedensverhandlungen durch Leo D. Trotzki am 10. Februar die Kampfhandlungen im Rahmen der „Operation Faustschlag“ wieder auf.

Generalquartiermeister Erich Ludendorff arbeitet auf die Abtrennung der gesamten baltischen Küste und Finnlands von Russland hin. 

20.02.1918

München * Mit dem Goldenen Hochzeitsjubiläum von König Ludwig III. und Königin Marie Therese wird das letzte große Fest der bayerischen Monarchie gefeiert.

Die äußeren Feierlichkeiten beschränken sich auf das Kirchliche. „Das Königspaar steht in seinem ernsten Fühlen dem Gedanken ferne, mit rauschendem Gepränge, wie es dem Ansehen des monarchischen Gedankens im tiefen Frieden und der Freude des Volkes entsprechen würde, in die durch den Krieg tausendfach verursachte Trauer einzufallen. Auch das Kriegsleid will das bayerische Herrscherhaus ganz und gar mit dem Bayernvolke teilen“

22.02.1918

München * Die bayerischen Behörden würdigen ausdrücklich das Verhalten der Mehrheitssozialdemokratie, die den Streik „aufgenommen und in ruhige Bahnen gelenkt“ hat. 

München * Das bayerische Kriegsministerium unterscheidet in seiner Analyse die Streikleitungen in

  1. „Führer, die den unabhängigen Sozialdemokraten angehörend, in unmittelbarer Verbindung mit Norddeutschland, vielleicht auch mit dem Ausland stehen und revolutionäre Umtriebe ins Land hereinbringen“.
  2. „Den einheimischen Führern der gemäßigten Sozialdemokratie. […] Sie haben die Bewegung bisher vielfach in besonnene Bahnen gelenkt, vertreten aber natürlich aus parteitaktischen Gründen den Demonstrationsstreik als ein zuverlässiges politisches Mittel“.  
  3. „Der Masse der beteiligten Arbeiterschaft, die unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen jeder verhetzenden Einwirkung besonders zugänglich ist“.

Und weiter schlägt das Kriegsministerium vor: 
„Führer der unter 1) bezeichneten Art sind, wenn irgend möglich, aus ihrer Umgebung zu entfernen und zwar solche, die sich eines Vergehens oder Verbrechens schuldig oder dringend verdächtig gemacht haben durch polizeiliche vorläufige Festnahme und Erwirkung eines richterlichen Haftbefehls – Wehrpflichtige durch Einberufung, Versetzung, Abstellung ins Feld -, Nichtbayern durch Aufenthaltsverbot auf Grund Art. 42 des Kriegszustandsgesetzes“

23.02.1918

München * Josef Sontheimer wird von den Behörden jede Beteiligung an politischen Veranstaltungen verboten. 

26.02.1918

Brest-Litowsk * Nach dem schnellen Vormarsch der Mittelmächte kehren die russischen Beauftragten für die Friedensverhandlungen wieder an den Verhandlungstisch in Brest-Litowsk zurück. 

München * Der Ministerrat beschäftigt sich mit den Forderungen des Beamten- und Lehrerbundes

27.02.1918

Strelitz - Schwerin * Großherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin übernimmt die Regierungsgewalt und fungierte bis zum Ende der Monarchie als Reichsverweser von Mecklenburg-Strelitz. 

28.02.1918

München-Au * Sarah Sonja Lerch bekommt im Gerichtsgefängnis Neudeck Zahnschmerzen, weshalb sie dies dem Untersuchungsrichter mitteilt und um einen Zahnarztbesuch bittet.

Es wird bis zum 19. März dauern, bis Frau Lerch einer Zahnbehandlung zugeführt wird. 

München-Au * Kurt Eisner schreibt in sein Gefängnistagebuch:

„Ausländische Einflüsse, ausländisches Geld soll in der Streikbewegung wirksam gewesen sein. Die deutsche Regierung beschuldigt uns einer Käuflichkeit, die sie selbst mit Hunderten von Millionen in der ganzen Welt organisiert hat“




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