Münchner Revolutionsgeschichte 1918/19

01.12.1918

München-Ludwigsvorstadt * Die Revolutionsregierung nutzt das Deutsche Theater bis zum 21. Februar 1919 als Sitz des Parlaments des Volksrates

Belgrad * Der Staates der Slowenen, Kroaten und Serben - SHS-Staat wird zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen vereinigt.

Der neue Staat wird 1920 im „Frieden von Trianon“ als Königreich Jugoslawien staatsrechtlich bestätigt. 

Karlsburg * Die Volksversammlung der Siebenbürgener verkündet die Union der Siebenbürger Rumänen mit ihren Volksgenossen in Rumänien

München * Verkehrsminister Heinrich Ritter von Frauendorfer stimmt der sofortigen Errichtung eines Rates des Verkehrspersonals zu. 

Berlin - München * Friedrich Stampfer, Chefredakteur beim Vorwärts, rechnet mit einem ehemaligen Kollegen ab und schreibt mit arroganter Überheblichkeit in der SPD-Zeitung Vorwärts einen Leitartikel über Kurt Eisner und die Revolution in Bayern:

„Als am 8. November 1918 die Kunde kam, dass Eisner bayerischer Ministerpräsident geworden sei, erfüllte Heiterkeit die Redaktionsstuben, sie pflanzte sich fort in die Setzer- und Maschinensäle. Es war keiner unter uns, der Eisner von der alten Zeit her nicht liebte, keiner, der ihm übel wollte oder ihn missachtete. Dennoch: Heiterkeit überall, wohlwollende Heiterkeit. […]

Wozu wären wir ein befreites Volk, wenn es nicht erlaubt wäre, einem alten Freund offen und öffentlich zu sagen: Du hast in Deinem Leben schon viele Böcke geschossen, aber dass Du Dich von Deinen revolutionären Schwabinger Literaturfreunden zum Ministerpräsidenten machen ließest, das war Dein größter Bock. […]

Du lebst in einer Welt des holden Wahnsinns, wenn Du glaubst, Du eingewandeter Berliner Literat, der im öffentlichen Leben noch nie eine Rolle gespielt hat und den man in Bayern bis vor drei Wochen kaum kannte, Du könntest Dich auf das Vertrauen des bayerischen Volkes stützen. […]

Diese Ministerpräsidentschaft […] steht zum Ernst unserer Zeit in erschütterndem Gegensatz. Kasperlekomödie des Lebens, frei nach Frank Wedekind, von Kurt Eisner, mit dem Dichter in der Titelrolle. München - Schwabinger Naturtheater. In fünf Minuten geht der Vorhang herunter und dann ist Schluss“

München * Der Verband des bayerischen Verkehrspersonals gibt eine offizielle Erklärung heraus, in der er die weitere Zusammenarbeit mit der Regierung von der baldmöglichen Wahl zur Nationalversammlung abhängig macht. „Verzögerung […] bedeutet Unordnung und Zerfall, Anarchie und Bürgerkrieg“

München * Der sich in München aufhaltende bayerischen Gesandte in Bern, Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Foerster, veröffentlicht eine Erklärung mit der Überschrift „Die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen politischen Lage in Bayern“, in der er sich tief enttäuscht über die Entwicklung in München äußert. Er befürchtet eine Entwicklung zur Vorherrschaft durch die revolutionären Räte.

„Dass aber dadurch eine wahrhaft demokratische Vertretung der Interessen und Rechte aller Klassen noch nicht gesichert wird, ist ohne weiteres klar. Eisner will aber auch solche Gleichheit der Vertretung gar nicht. […] Er hat jeden Glauben an das Bürgertum verloren. Und darum kämpft er verzweifelt gegen die Nationalversammlung“

02.12.1918

München * Die ehemalige Leibgarde wird in Staatliche Bewachungstruppe umbenannt.

München * Es kommt erstmals zur offenen Regierungskrise, nachdem Innenminister Erhard Auer auf die Festsetzung eines Termins zur Wahl der Bayerischen Nationalversammlung besteht. Die Minister Erhard Auer, Johannes Timm und Heinrich Ritter von Frauendorfer drohen mit ihrem Rücktritt.

Ministerpräsident Kurt Eisner stimmt daraufhin einem Kompromiss zu, den er auf der Sitzung der Soldatenräte darlegen wird. 

München * Auf der Sitzung der Soldatenräte gibt Ministerpräsident Kurt Eisner eine Regierungserklärung ab. In dieser verkündet er: „Die Volksregierung Bayern wird ihr Versprechen, die Nationalversammlung so rasch als möglich einzuberufen, einlösen“.

Die Aussage wird von den Anwesenden mit stürmischem Beifall aufgenommen. 

03.12.1918

München * Wegen der Kohlenknappheit wird der Straßenbahnbetrieb eingestellt.

04.12.1918

München-Kreuzviertel * 500 Pioniere in Begleitung ihrer Offiziere demonstrieren vor dem Sitz des Ministerpräsidenten im Montgelas-Palais für die Einberufung der Bayerischen Nationalversammlung.  

Ministerpräsident Kurt Eisner, Innenminister Erhard Auer und Militärminister Albert Roßhaupter sprechen mit den Versammelten und sichern ihnen die baldige Bekanntgabe des Einberufungstermins der Nationalversammlung zu.

München-Ludwigsvorstadt * Im Mathäserbräu wird die Demokratisch-sozialistische Bürgerpartei München gegründet. 

Berlin * Da der Rat der Volksbeauftragten kein Sozialisierungskonzept hat, wird eine Kommission gegründet, in der Karl Kautsky von der USPD und Ernst Francke, der Generalsekretär der Gesellschaft für soziale Reformen, den Vorsitz übernehmen. Vertreter der MSPD, der Gewerkschaften und der Unternehmer gehören dem Gremium zusätzlich an.

Aufgrund der Zusammensetzung ist kaum mit schnellen Entscheidungen und Einschnitten zu rechnen. Die Kommission dient mehr der Beruhigung in allen Richtungen. 

05.12.1918

München-Kreuzviertel * Im Ministerrat kommt es zu heftigen Diskussionen über die Terminfestsetzung zur Nationalratswahl. Kurt Eisner sieht in einem frühen Termin keinen Vorteil. „Die Massen scheuen sich davor und fürchten die Preisgabe der Errungenschaften“

Dagegen fordern die MSPD-Minister einen möglichst frühen Wahltermin. Jeder Tag früher stellt für sie einen „Gewinn gegenüber dem Zentrum“ dar. Erhard Auer dringt deshalb auf den 12. Januar 1919.

Innenminister Erhard Auer und Justizminister Johannes Timm geben unumwunden ihre Abneigung gegen die Räte zu und treten für die Umwandlung der Arbeiter- und Bauernräte in Arbeiter- und Landwirtschaftskammern ein und sprechen den Räten jede politische Funktion ab. Verkehrsminister Heinrich Ritter von Frauendorfer sieht in den Räten eine „nur notwendige Begleiterscheinung der Revolution“.

Den Soldatenräten gibt man keine Zukunft. 

München-Kreuzviertel * Eine Kommission zur Fürstenabfindung tritt erstmals zusammen. 

München-Ludwigvorstadt * In einer öffentlichen Versammlung im Wagnersaal hält der Soziologe und Gründungsmitglied der links-liberalen Deutschen Demokratischen Partei - DDP, Max Weber, eine Rede zugunsten der baldigen Wahl zur Nationalversammlung.

Er wird aus der Versammlung heraus mehrmals unterbrochen, bis Weber seine Rede abbrechen muss. 

München - Freistaat Bayern - Deutsches Reich * Der Wahlkampf beginnt. Er wird mit der Wahl der Abgeordneten zur deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 enden. Diese Wahl findet eine Woche nach den Wahlen zum Bayerischen Landtag statt.

Als die beiden stärksten Parteien werden in Bayern die Mehrheitssozialdemokraten - MSPD und die Bayerische Volkspartei - BVP eingeschätzt. Es ist nur die Frage, wie sich die Mehrheiten verteilen werden.

Die USPD hat - trotz einer verbindlichen Absprache mit dem Bayerischen Bauernbund - BBB - keine Erfolgsaussichten. Sie hofft auf einen so großen Stimmenzuwachs, dass sie für eine Regierungskoalition unentbehrlich sein würde.

Der Spartakusbund, der sich nach dem 31. Dezember 1918 Kommunistische Partei Deutschlands - KPD nennen wird, weigert sich, an der Wahl teilzunehmen. 

06.12.1918

München * Erich Mühsam spricht sich im Kolosseum vor Soldaten und Zivilisten gegen Wahlen für eine Bayerische Nationalversammlung aus.  

  • Er setzt sich andererseits für die baldige „Verwirklichung eines weitgehenden Sozialismus im kommunistischen Sinn“ ein, 
  • warnt aber zugleich vor „Unordnung und Plünderung“

München-Graggenau * Der Privatmobiliarbesitz der königlichen Familie wird mit Möbelwägen aus der Residenz gebracht. 

München * Im Schwabingerbräu, Mathäserbräu und im Odeon werden Versammlungen für Soldaten abgehalten. Die Versammlungsteilnehmer demonstrieren im Anschluss gegen die Münchner Presse.

Die Räume der Münchner Neuesten Nachrichten, des Bayerischen Kuriers, der München-Augsburger Abendzeitung und der Münchner Zeitung werden besetzt. Die Besetzer erlassen umfangreiche Zensurvorschriften, die beim Eintreffen der Republikanischen Schutztruppe und vor allen auf Kurt Eisners Zureden zurückgenommen werden.

Die Demonstranten ziehen daraufhin zu Innenminister Erhard Auer, um ihn wegen

  • seiner Haltung in den Januarstreiks und
  • seines Eintretens für eine demokratische, nicht-sozialistische Republik  

mit Gewalt zum Rücktritt von seinem Ministerposten zu zwingen. 

München - Vatikan * Uditore Lorenzo Schioppa informiert den Kardinalsstaatssekretär Pietro Gasparri durchaus hoffnungsfroh über die nicht aussichtslosen Bestrebungen, mit Ex-Kronprinz Rupprecht die Monarchie in Bayern wieder zu installieren. 

München * Der Bayerische Kurier, das Organ der Bayerischen Volkspartei - BVP, zeigt ganz eindeutig antisemitische Tendenzen:

„Für die BVP spielt auch die Rassenzugehörigkeit keine Rolle. [Ihre Mitglieder] achten und ehren jeden ehrlichen Juden. […] Was aber bekämpft werden muss, das sind die zahlreichen atheistischen Elemente eines gewissen internationalen Judentums mit vorwiegend russischer Färbung“.

Die politischen Parolen der Bayerischen Volkspartei lauten: „Los von Berlin!“ und „Bayern den Bayern!“. Die letzte Aussage richtet sich nicht gegen Preußen, sondern vor allem gegen die Juden, die in der Regierung Eisner zahlreich vertreten sind. 

München * Erich Mühsam und seine Anhänger stürmen am Abend das Verlagshaus des Bayerischen Kuriers, einer stramm konservativen Zeitung und Organ der Bayerischen Volkspartei - BVP.

Erich Mühsam übernimmt persönlich die Redaktion. Die Drucker verbünden sich mit den Besetzern, nachdem sie diesen eine Beteiligung an der Zeitung versprochen haben. 

Berlin * Am späten Nachmittag versammeln sich vor der Reichskanzlei Matrosen und Soldaten. Ein Feldwebel Spiro, der Vorsitzende des Soldatenrats des Ersatz-Bataillons des Kaiser Franz Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2, hält eine Ansprache, in der er darstellt, dass „Deutschland in dem unermesslichen Unglück einer vollen Katastrophe“ steht, „die nur durch bewusste Zusammenfassung aller Kräfte und durch freiwillige Unterordnung jedes Einzelnen unter das gemeinsame Wohl überwunden werden kann“.

Er fordert abschließend, dass „die Nationalversammlung für den 20. Dezember einberufen wird“. Danach ernennt er - „gestützt auf die bewaffnete Macht und im Bewusstsein für die ganze Nation zu sprechen“ - Friedrich Ebert zum „Präsidenten Deutschlands“

Ebert antwortet mit „ruhiger, fester, durchdringender Stimme: Kameraden und Genossen! Der Ruf, der an mich ergangen ist, kann und will ich nicht annehmen, ohne vorher mit meinen Freunden in der Regierung gesprochen zu haben. Das ist eine hoch wichtige Angelegenheit, deren Entscheidung allein in den Händen des Rates der Volksbeauftragten liegt“.

Feldwebel Spiro zieht daraufhin mit seinen Truppen geschlossen ab. Das Ziel der Soldaten ist, die Revolution faktisch zu beenden und die Kräfte links des Reichspräsidenten Friedrich Ebert zu entmachten. 

Berlin * Zur selben Zeit wird der Versuch unternommen, den Vollzugsrat zu verhaften. Er ist neben dem Rat der Volksbeauftragten das wichtigste Organ der Revolution.

Weil sich die Betroffenen gegen die Verhaftung wehren und protestieren, kommt der Berliner Polizeipräsident Emil Eichhorn mit Kräften der Sicherheitswehr dem Vollzugsrat zu Hilfe.

Die Verhaftung scheitert - die Putschisten müssen erfolglos abziehen. 

Berlin * Das „Gesetz zur Bildung einer freiwilligen Volkswehr“ wird beschlossen. 

Berlin * Die Spartakusgruppe hat für den 6. Dezember drei Versammlungen mit anschließenden Demonstrationen beim Polizeipräsidium angemeldet. Die Protestveranstaltungen werden mit der Auflage genehmigt, dass keine Waffen mitgeführt werden.

Die drei Versammlungen finden am späten Nachmittag in den Germania-, Sophien- und Andreas-Sälen statt. Die Redner üben harsche Kritik an der Regierung und protestieren gegen die Einberufung einer Nationalversammlung.

Während der Versammlungen verbreitet sich die Nachricht von der mutmaßlichen Verhaftung des Vollzugsrats und von Friedrich Eberts Ausrufung zum Präsidenten. Entsprechend erregt beginnen gegen 16:30 Uhr die Demonstrationen

Berlin * Gegen 17:00 Uhr haben Ecke Invaliden- und Chausseestraße Soldaten mit Maschinengewehren Aufstellung genommen. Als ein Demonstrationszug der Spartakusgruppe vorbeizieht, eröffnen die Soldaten das Feuer.

Der Polizeibericht vermerkt 14 Tote und über 30 mehr oder weniger schwer verletzte Demonstranten

07.12.1918

München * Der MSPD-Innenminister Erhard Auer wird kurz nach Mitternacht von ungefähr 300 Demonstranten in seiner Wohnung „überfallen“. Sie holen ihn aus dem Bett und erzwingen von ihm mit vorgehaltenem Gewehr seinen Rücktritt. Erhard Auer äußert sich daraufhin: „Der Gewalt weichend erkläre ich [..], dass ich das Amt des Ministers des Inneren niederlege“.

In der Zwischenzeit ist Ministerpräsident Kurt Eisner in Auers Wohnung geeilt. In seinem ehrlichen Bemühen, Gesetz und Ordnung des Freistaats aufrecht zu erhalten, weist er die Demonstranten auf das Falschsein ihrer Gewalthandlungen hin und wird dafür begeistert gefeiert. Er entgegnet den Angreifern: Ihr Handeln sei „sicherlich gut gemeint und […] sicherlich aus Liebe zu mir geschehen, aber es war nicht gut“.

Eisner und Auer sind sich einig, dass das Rücktrittsgesuch öffentlich widerrufen werden soll. Ministerpräsident Kurt Eisner nimmt Auers Rücktritt nicht an und erklärt die „erpresste Erklärung“ für nichtig. Gegen vier Uhr früh ist die Angelegenheit erledigt und die Ruhe in der Stadt wieder eingekehrt. 

München-Ludwigsvorstadt * Im Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße tagen die Kasernenräte.  

  • Sie verurteilen die nächtliche Demonstration vom Vortag.  
  • Dem Soldatenrat sprechen sie ihr Misstrauen aus, weil von den 15 Mitgliedern, die der Soldatenrat in den Nationalrat entsendet, acht befinden, die nicht gewählt worden sind, sondern sich in der Revolutionsnacht selbst dazu ernannt haben. [Darunter: Felix Fechenbach, Fritz Schröder und Fritz Sauber].  

In der Folge tritt der Soldatenrat zurück und leitet Neuwahlen ein. 

München * In der ersten Dezemberwoche sterben in München 35 männliche und 57 weibliche Personen an der Spanischen Grippe. Die Zahl der Todesopfer erhöht sich damit auf insgesamt 946. 

München-Milbertshofen * Die in Milbertshofen ansässigen Bayerischen Motorenwerke - BMW müssen wegen Betriebseinstellung 3.000 Arbeiter und 400 Angestellte beurlauben. 

München * Die Leser der stark konservativen Zeitung Bayerischer Kurier, die zugleich das Organ der Bayerischen Volkspartei - BVP darstellt, müssen lesen:

„Brüder! 
Die Soldaten und Arbeiter Münchens haben heute nacht die Zeitungen besetzt. Sie haben der schändlichen Hetzpresse, die das Volk durch 51 Monate belogen und betrogen hat und eine ungeheuere Blutschuld an diesem Völkermord trägt, ihr Gift genommen. 

Die Übernahme der Zeitungen geschah in größter Ruhe und Ordnung, und sie erscheinen von nun ab unter unserer Leitung. […] Es lebe die internationale sozialistische Weltrepublik! 

Die revolutionären Internationalisten Bayerns“

München-Kreuzviertel * In der Ministerratssitzung sprechen sich der Justizminister Johannes Timm und der Kultusminister Johannes Hoffmann für die Verhaftung von Erich Mühsam und anderen aus.

Eisner entgegnet: „Es ist gar nichts Ernstes hinter der Sache gestanden. Auch Mühsam war nicht dafür [gemeint ist der Vorfall in Erhard Auers Wohnung], das Ganze war mehr faschingsartig“.

Die Regierung Eisner erlässt lediglich einen Verweis an die Krawallmacher

München * Die konstituierende Sitzung des Münchener Arbeiterrats findet im Deutschen Theater statt. Das Gremium setzt sich aus über 400 gewählten Arbeiterräten und den rund 50 Mitgliedern des Revolutionären Arbeiterrates zusammen.

Die Mehrheit des Münchener Arbeiterrates besteht aus Mitgliedern der Mehrheitssozialdemokraten

Berlin * Noch in der Nacht zum 7. Dezember lässt der Rat der Volksbeauftragten Plakate anschlagen. Sie sollen einerseits die Lage beruhigen und andererseits die Bevölkerung darüber informieren, dass die Vorfälle und die Todesfälle vom 6. Dezember mit strengster Härte verfolgt werden. 

Berlin * Die undurchsichtigen Vorgänge und das Blutbad vom 6. Dezember steigert das Misstrauen der USPD gegenüber den Mehrheitssozialdemokraten.

Die Freiheit, das Berliner Parteiorgan der USPD, solidarisiert sich mit dem Streikaufruf von Spartakus mit folgenden Zeilen: „Wir verstehen die Empörung und teilen die Gefühle unserer Genossen. Wir begrüßen ihre Initiative. Der Streik soll ein Protest sein gegen das ruchlose Vorgehen in der Chausseestraße, gegen gegenrevolutionäre Umtriebe und eine Sympathiebezeigung für die armen Opfer!“

Berlin * Für den Nachmittag hat die Berliner Spartakusgruppe zu einer Demonstration aufgerufen. Unter den Linden droht die Demonstration in eine blutige Auseinandersetzung verwickelt zu werden.

Dem Polizeipräsidenten Emil Eichhorn gelingt es, die aufgezogenen Truppen mit ihren Maschinengewehren zum Abzug zu überreden. 

Berlin * Für die bürgerlichen Parteien sind die Schuldigen an den Vorgängen vom Vortag schnell gefunden: „Die blutigen Krawalle sind anscheinend durch Pläne und Unternehmungen der Spartacus-Leute und der mit ihnen verbündeten Elemente verursacht worden, deren Ziel der Sturz der Regierung Ebert-Haase war“.

Für die Linken erklärt Karl Liebknecht: „Es ist gar nicht mehr zu leugnen, dass der Putsch des gestrigen Tages von der Regierung inszeniert worden ist, denn es muss doch dem Harmlosesten auffallen, dass die Ereignisse des blutigen Freitags alle miteinander in Zusammenhang stehen“.

Es lässt sich weder ein „Spartakusputsch“ noch eine Beteiligung oder Mitwisserschaft der MSPD-Spitze an einem Putschversuch nachweisen. Doch die Faktenlage stört in dieser aufgeheizten Stimmung die Propagandisten weder von Rechts noch von Links. 

08.12.1918

München * Die politisch-satirische Zeitung „Rote Hand“, Untertitel: „Führendes Organ für national-anarchistische Gschaftlhuberei“, erscheint erstmalig im Straßenhandel.  

Polizeipräsident Josef Staimer lässt den Druck einstellen und das weitere Erscheinen verbieten. Er begründet die Maßnahme mit der „Übertretung der Sonntagsruhe“

München * Um 15 Uhr trifft das I. Bataillon des 2. Infanterie-Regiments mit zwölf Offizieren und 400 Mann in München ein.  

Mit wehenden weißblauen Fahnen und vom versammelten Volk umjubelt ziehen sie zur Kaserne an der Infanteriestraße.

München * Um 17 Uhr trifft das III. Bataillon des 1. Infanterie-Regiments König in München ein.  

In der Nacht treffen noch drei weitere Kompanien ein. 

09.12.1918

München-Kreuzviertel * Die Delegierten der Arbeiterräte Bayerns treffen sich am 9. und 10. Dezember 1918 erstmalig zu einer zweitägigen Tagung im Gebäude des Bayerischen Landtags

Sie beratschlagen über

  • ihre Position zur politischen und wirtschaftlichen Lage Bayerns,  
  • die Aufgaben der Arbeiterräte-Organisation und
  • wählen die 50 Vertreter der Arbeiterschaft zum provisorischen Nationalrat

München * Der Rat der Presse und des Schrifttums konstituiert sich. 

München-Lehel * Aus der Schack-Galerie wird das Karl-Spitzweg-Bild Sennerin auf der Alm gestohlen.  

Das Bild hat einen Wert von 25.000 Mark. 

München * Vor den bayerischen Arbeiterräten erklärt Ministerpräsident Kurt Eisner: 

„Wir wollten die Revolution nicht erst machen in der Zeit des militärischen Zusammenbruchs, sondern im Gegenteil schon entfesseln, als Deutschland auf der Höhe seiner militärischen Macht stand. […] Das war der Sinn des Streiks“

München * Ministerpräsident Kurt Eisner erklärt auf der Sitzung der bayerischen Arbeiterräte:

„Die Arbeiterräte sollen die Parlamente der körperlichen und geistigen Arbeiter sein, und wenn man demgegenüber erklärt, dass die Nationalversammlung, der Landtag, diese Arbeiterräte entbehrlich machen würde, so behaupte ich:

Umgekehrt, es wäre noch eher die Nationalversammlung entbehrlich als die Arbeiterräte“

München * Gustav Landauer zieht eine positive Bilanz zur Tätigkeit der Räteorganisationen:  

„Da handelt es sich vor allen Dingen um die Umstellung der Kriegswirtschaft in die Friedenswirtschaft. Zum Beispiel hat der Zentralarbeiterrat wesentlich dabei mitgewirkt, […]

  • dass die Alliiertenwerkstätten sofort in Friedenswerkstätten, in Werkstätten zur Herstellung von Waggons und Lokomotivteilen umgewandelt werden.
  • Es ist eine sofortige Einstellung der Rüstungsbetriebe durchgesetzt worden. Wir haben aber dafür gesorgt und daran mitgearbeitet, dass eine vierwöchige Kündigungsfrist mit voller Bezahlung der Arbeitslosenunterstützung inngehalten werden musste.

Wir haben […] mitgearbeitet

  • an der Versorgung Bayerns mit Kohle,
  • an der Verstaatlichung des Lastkraftwagenverkehrs, […]
  • dass Wagen, Pferde, Vieh, Gerät aller Art bei uns im Lande bleibt und vor allen Dingen von unseren Produzenten und von unseren Bauern verwertet wird,
  • an der Durchführung der 44-Stunden-Woche mit freiem Samstagnachmittag“

10.12.1918

München * In einer von der Bayerischen Volkspartei - BVP finanzierten Zeitungsannonce ist zu lesen:

„Lügner und Verleumder! nennen wir jeden, der behauptet, die BVP spiele mit dem Gedanken der Wiedereinführung der Wittelsbacher“.

Buchloe - München * Im Buchloer Anzeigenblatt erscheint ein antisemitischer Artikel. Dem Redakteuer Cölestin Rabis schwebt sogar eine Endlösung vor.

„Der Jude Eisner spielt Diktator und beschwindelt das Volk wie vordem unsere Diplomaten. […] Politik ist und bleibt ein Geschäft, und Jude bleibt Jude. […]  Die Judenfrage ist ein Problem für sich, welches das deutsche Volk endlich einmal mit gerechter Strenge zu lösen hat, aufgefasst als Rassenfrage und nicht als Religionsproblem“

München * Auf der Sitzung der bayerischen Arbeiterräte erklärt Innenminister Erhard Auer, dass er über 600 Telegramme herausgegeben hat, in denen Beschlüsse von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten aufgehoben worden sind.

Die Sitzung ist aufgrund von Protesten gegen die Vorläufigen Richtlinien für die Arbeiter- und Bauernräte der Räte aus der Provinz einberufen worden. Man beschließt eine Kommission zur Überprüfung der Richtlinie

11.12.1918

München-Ludwigsvorstadt * Erstmals tritt der Spartakusbund mit einer Massendemonstration in München in Erscheinung.

Im Wagnersaal referiert Max Levien, der Vorsitzende der bayerischen Sektion des Spartakusbundes, über das Thema „Die blutigen Vorgänge in Berlin und die Schuld der jetzigen Reichsregierung“.

In seinem Referat stellt er eine Reihe radikaler Forderungen auf, darunter

  • die Einrichtung von Revolutionstribunalen zur Bestrafung der Konterrevolutionäre und
  • die Gründung einer Roten Armee.  

Seinen Ausführungen stellen sich Kurt Eisner, Dr. Edgar Jaffé, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Fritz Sauber entgegen. 

  • Ministerpräsident Eisner wendet sich gegen die Demonstrationslust,
  • Gustav Landauer äußert sich gegen das „ewige Blutspucken“.
    Mit Rache macht man keine neue Welt.
  • Erich Mühsam will die Revolution gegen ihre Feinde schützen, aber nicht mit blutigen Mitteln. 

Bukarest * Die rumänische Regierung unter König Ferdinand erkennt die Karlsburger Beschlüsse an. 

München * In München wird durch Max Levien eine regionale Spartakusgruppe gegründet. 

München-Ludwigvorstadt * Ministerpräsident Kurt Eisner erklärt in einer Versammlung im Wagnerbräu, dass „die Nationalversammlung ist eine vollzogene Tatsache. Wenn heute das Proletariat die Nationalversammlung verhindert, so ist dies der Bankrott des Proletariats“

12.12.1918

München * Die USPD hält ihre ersten zwei „Wahlkampf-Versammlungen“ ab.  

Kurt Eisner spricht im „Mathäserbräu“, Hans Unterleitner im „Wagnersaal“.  
Beide wollen den „Kampf für den Sozialismus“ mit geistigen Waffen führen. 

München * Auf einer Wahlkampfrede erklärt Kurt Eisner: „Die Revolution war ja schon geplant im Januar“

13.12.1918

München-Kreuzviertel * Der sich aus Delegierten der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte zusammensetzende provisorischen Nationalrat hält seine zweite Sitzung im Gebäude des Bayerischen Landtags in der Prannerstraße ab. 

Die Regierung Eisner räumt dem Provisorischen Nationalrat lediglich eine beratende Funktion ein und verweigert ihm jede Mitwirkung an der Gesetzgebung.

München-Kreuzviertel * Ministerpräsident Kurt Eisner konkretisiert auf der zweiten Sitzung des Provisorischen Nationalrats sein Konzept über die Zusammenarbeit von Parlament und den Räten. Dabei stellt er heraus: „Jeder, der arbeitet, also auch jede Organisation von Arbeitenden, soll nicht nur die persönlichen und beruflich-wirtschaftlichen Interessen vertreten, nicht nur die Standes- und Gewerbsinteressen, sondern sie soll die gesamte Arbeit eines bestimmten Berufs in den Dienst der Demokratie stellen“.

Die „produktive Demokratie“ soll im Gegensatz zur „formalen staatsrechtlichen Demokratie“ nicht nur das „Recht gleicher Teilnahme“, sondern die „Pflicht gleicher Mitarbeit“, also die „lebendige Teilnahme aller Glieder des Volkes an der Gesamtheit der Nation“, beinhalten.

„Die Nationalversammlung muss die oberste, souveräne, gesetzgebende Körperschaft sein, sonst wäre sie ja kein Parlament, kein demokratisches Parlament. Die künftige Nationalversammlung ist die Gesetzgeberin, die souveräne Gesetzgeberin, aber in den Räten liegt die moralische Kraft der Massen. Von hier aus soll der lebendige Geist der Demokratie und des Sozialismus hinüber strömen in das Parlament der Abgeordneten“

München-Kreuzviertel * Im Provisorischen Nationalrat schließen sich 16 Abgeordnete zur Fraktion der Deutschen Demokratischen Partei - DDP zusammen. 

Vorsitzender wird der Kaufmann Karl Friedrich Julius Hübsch, seine Stellvertreter der Orthopäde Dr. Georg Hohmann und Frau Luise Kießelbach. 

Berlin * Der Rat der Volksbeauftragten nimmt das Rücktrittsgesuch des Leiters des Auswärtigen Amtes, Wilhelm Solf, an.

Als sein Nachfolger wird Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau berufen, der aber von Kurt Eisner ebenso „ungünstig“ beurteilt wird wie Solf. 

Berlin * Dem Reichskanzler Friedrich Ebert geht der Einfluss der Arbeiter- und Soldatenräte zu weit: „So kann es nicht weitergehen, wir blamieren uns vor der Geschichte und der ganzen Welt. […] Das Herum- und Hineinregieren der Arbeiter- und Soldatenräte muss aufhören“.

Schon zuvor wurde von der Regierung heftige Kritik an den als Störfaktor angesehenen Arbeiter- und Soldatenräten geübt, bei denen sich um „die Organisationen der Unordnung“ handle. 

14.12.1918

München * Rund 600 Angehörige des „1. Infanterie-Regiments“ treffen in München ein.  

Sie ziehen unter dem Jubel der Münchner zur „Marsfeldkaserne“

München-Kreuzviertel * Der „Politische Rat geistiger Arbeiter“ veranstaltet im „Hotel Bayerischer Hof“ seine erste öffentliche Versammlung. 

München - Vatikan * Uditore Lorenzo Schioppa informiert Kardinalsstaatssekretär Pietro Gasparri, dass ihm zur Restauration des bayerischen Königtums die geeigneten Kandidaten fehlen:

  • Ex-König Ludwig III. war in eine annexonistische Kriegspolitik verstrickt,
  • Ex-Kronprinz Rupprecht kommt wegen seiner amourösen Galanterien mit belgischen Frauen an der Front nicht mehr in Frage.
  • Alleine der Ex-Prinz Franz käme noch in Betracht. 

15.12.1918

Berlin * In Berlin wird die erste „Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten Deutschlands“ abgehalten.
Sie dauert bis zum 17. Dezember. 

Ziel ihres Kampfes ist

  • die „unmittelbare Herbeiführung des Kommunismus“,
  • der über die „Diktatur des Proletariats“ vorbereitet werden soll.

16.12.1918

Berlin * In Berlin beginnt der Erste Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldaten-Räte Deutschlands. Der Reichsrätekongress dauert bis zum 20. Dezember.

Pro 200.000 Einwohner wird ein Arbeiterrat, pro 100.000 Soldaten ein Soldatenrat entsandt. Die SPD-Delegierten haben eine Zweidrittelmehrheit.

Die Sozialdemokraten wollen den Vollzugsrat, das Kontrollorgan des Rats der Volksbeauftragten auflösen. Max Cohen von der SPD stellt deshalb den Antrag, künftig auf die Räte zu verzichten. Die USPD setzt sich für den Weiterbestand ein.

Schlussendlich stimmen die Delegierten mit großer Mehrheit

  • für die Abschaffung des Rätesystems und
  • legen den Termin für die Wahl zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung auf den 19. Januar 1919 fest. 

München-Kreuzviertel * Der Ministerrat billigt die von Kultusminister Johannes Hoffmann vorgelegte „Verordnung, betreffend Beaufsichtigung der Volksschule“.

Darin wird ab 1. Januar 1919 die geistliche Schulaufsicht abgeschafft und Übergangsregelungen für die Zeit bis dahin festgeschrieben.

  • Die Ortsschulaufsicht geht vom Ortspfarrer auf den Bürgermeister über.
  • Darüber hinaus wird ein freireligiöser Sittenunterricht eingeführt und
  • der Zwang zur Teilnahme am Religionsunterricht abgeschafft.

Damit sind zentrale kulturpolitische Forderungen der Sozialdemokratie der letzten Jahrzehnte erfüllt. 

17.12.1918

München-Ludwigsvorstadt * Eine Gruppe Soldaten besetzt die Versammlung der Deutschen Volkspartei München im Saal des Hotel Wagner. Die Eindringlinge stören den Ablauf derart, dass die Beratungen vorzeitig abgebrochen werden müssen.  

Professor Ludwig Quidde erntet stürmischen Beifall der Versammelten, als er die Forderung formuliert: „Wir beanspruchen vom freien Volksstaat Bayern das, was der verfluchte Obrigkeitsstaat uns gewährt hat“

Berlin * Rosa Luxemburg schreibt für die Rote Fahne den Artikel „Nationalversammlung oder Räteregierung?“.

Darin tritt sie für eine Räteregierung ein. 

München * Die Regierung erlässt Bestimmungen über Organisation und Befugnisse der Arbeiterräte. Sie lösen die Vorläufigen Richtlinien für die Arbeiter- und Bauernräte ab. Eine inhaltliche Verbesserung über die Befugnisse der Räte bringen die Bestimmungen nicht. Es bleibt beider Vorrangstellung der Behörden.

Die Bestimmungen für die Arbeiterräte bleibt die rechtliche Grundlage für die Arbeit der Arbeiterräte, bis der Landtag am 21. Mai 1920 das Gesetz über die Aufhebung der Arbeiterräte beschließt. 

Die Anordnung enthält drei wichtige Sonderbestimmungen, deren Auswirkungen sich auf den ersten Blick nicht gleich offenbaren. 

  • Soldatenräte sind von den Arbeiterräten völlig zu trennen. Ihre Bezahlung erfolgt ausschließlich durch den Militärhaushalt.
  • Die Bauernräte sind mit den Arbeiterräten zusammenzuschließen.
  • Nur Arbeiterräte haben das Recht auf staatliche Bezüge

18.12.1918

München-Ludwigsvorstadt * Am frühen Morgen ziehen mehrere hundert Menschen zum Hauptbahnhof, um die „Bahnhofswache“ und deren „Kommandanten“ zu verhaften.  

Die „Bahnhofswache“ gibt einige Schreckschüsse ab und säubert, nach einem erneuten Ansturm der Menge, den Platz.  
Die Demonstration dauert etwa zwei Stunden.  
Dabei erhält ein Unbeteiligter zwei Schussverletzungen. 

München * „Innenminister“ Erhard Auer erlaubt ausdrücklich die Zulassung von „Milizen“ zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. 

Berlin * Auf dem „Kongress der Arbeiter- und Soldaten-Räte Deutschlands“ in Berlin werden die Forderungen des „Spartakusbundes“ und dem linken Flügel der „Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands - USPD“ zur „Übertragung der gesamten Macht an die Arbeiter- und Soldaten-Räte“ abgelehnt.  

Die Mehrheit stimmt für den Antrag der SPD, „bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt“ dem „Rat der Volksbeauftragten“ [= Regierung Ebert] zu übertragen.  

Die Mehrheit beschließt, die Wahlen zur „Nationalversammlung“ auf den 19. Januar 1919 festzusetzen. 

München * Der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber reagiert auf die „Verordnung, betreffend Beaufsichtigung der Volksschule“ vom 16. Dezember 1918 überraschend pragmatisch und ist sogar bereit, die Schulaufsicht kampflos aufzugeben. 

Auf der Bayerischen Bischofskonferenz erstellen die Bischöfe allerdings eine gemeinsame Protesterklärung gegen die schulpolitischen Maßnahmen der Revolutionsregierung.

Die Bischöfe beklagen darin die einseitige Verletzung des im Konkordat anerkannten Rechts und betonen die langjährige und treue Mitarbeit der Kirche im Erziehungswesen

19.12.1918

München-Ludwigsvorstadt * Der Spartakusbund München hält im Wagnersaal eine Versammlung ab. Max Levien tritt für den Bolschewismus nach russischem Vorbild ein.  

Kurt Eisner warnt vor dem „Spiel mit dem Feuer“ und verteidigt die Einberufung der Nationalversammlung. Seine Rede wird ständig durch Zwischenrufe gestört. 

München-Ludwigsvorstadt * Am Abend veranstalten die „Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte“ den ersten „Feierabend“ im „Deutschen Theater“.  

Die Veranstaltung soll der Bevölkerung „die Seele aufrütteln zu der Erkenntnis, dass wir Menschen sind, die wir in den Kriegsjahren nicht mehr waren“

München * Das Bayerische Oberste Landesgericht bestätigt der provisorischen Regierung den Anspruch auf den Besitz der Staatsgewalt.

In der Begründung zu einem Urteil über die Rechtsgültigkeit einer Verordnung heißt es: „Die gesetzgebende Gewalt ist ein Ausfluss der Staatsgewalt. Sie steht dem zu, der die Staatsgewalt tatsächlich innehat, also zurzeit der Regierung des Volksstaates Bayern. Die Anordnungen der Regierung haben deshalb verbindliche Kraft“

20.12.1918

München * Die „Neue Zeitung“ erscheint erstmals als unabhängiges Organ unter ständiger Mitarbeit von Kurt Eisner. 

München * Die „Bayerische Volkspartei - BVP“, die „Deutsche Volkspartei - DVP“ und die „Nationalliberale Partei -NLP“ wenden sich in einem außerordentlich scharfen Appell an die vorläufige bayerische „Regierung“ und fordern die Abwehr der „bolschewistischen Strömungen“ und der „Übergriffe der Räte“

München - Vatikan * Uditore Lorenzo Schioppa informiert den Kardinalsstaatssekretär Pietro Gasparri über Protesterklärung des bayerischen Episkopats gegen die vom bayerischen Ministerrat erlassene „Verordnung, betreffend Beaufsichtigung der Volksschule“ vom 16. Dezember 1918. 

Berlin - München * Ernst Toller hat für Südbayern als Delegierter am Berliner Reichsrätekongress teilgenommen. Tief enttäuscht fährt er nach München zurück:

„Der deutsche Rätekongress verzichtet freiwillig auf die Macht, das unverhoffte Geschenk der Revolution, die Räte danken ab, sie überlassen das Schicksal der Republik dem Zufallsergebnis fragwürdiger Wahlen des unaufgeklärten Volks. […]

Die Republik hat sich selbst das Todesurteil gesprochen“

Berlin * Die Erzbischöfe und Bischöfe Preußens bezeichnen in einem Hirtenbrief den Erlass des preußischen Kultusministeriums zur Religionsausübung in den Schulen vom 29. November 1918 als „frevelhaftes Unrecht“ und fordern zum Widerstand auf. 

21.12.1918

München-Angerviertel * Am Viktualienmarkt werden 2.800 Gänse zum Verkauf angeboten.  

Manche Hausfrauen stehen schon um Mitternacht vor den Verkaufsstellen. 

München * Bei Kontrollen am Hauptbahnhof und in der Innenstadt wird ein umfangreicher „Schleichhandel“ mit Butter, Fleisch und Gemüse aufgedeckt. 

München-Kreuzviertel - Freistaat Bayern * Die Schulaufsicht durch Geistliche, die es bis dahin - außer in den Städten - in Bayern gilt, wird abgeschafft. An die Stelle der Pfarrer treten weltliche Fachleute, in der Regel Lehrer. 

22.12.1918

München * Stürmisch begrüßt die Bevölkerung Münchens das einziehende „7. Bayerische Feldartillerie-Regiment“, bestehend aus 1.200 Mann, 900 Pferde, 120 Fahrzeuge und 30 Geschütze. 

23.12.1918

Hamburg * Helmut Schmidt, der spätere Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, wird in Hamburg geboren. 

München * Der „Gemeindliche Arbeitsausschuss“ beschließt die „Gasabgabe“ ab 1. Januar 1919 täglich zwischen 12:30 und 16:00 Uhr zu sperren. 

24.12.1918

München-Maxvorstadt * „Innenminister“ Erhard Auer verbringt den „Heiligabend“ auf Einladung von Anton Graf Arco-Valley, dem späteren Eisner-Mörder, in der „Türkenkaserne“

München * Der Brotpreis steigt um 4 Pfennig auf 59 Pfennig pro Pfund.  

Pferdefleisch ist billiger geworden und kostet jetzt 80 Pfennig bis 1,10 Mark das Pfund. 

Berlin * Die „2. Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten Deutschlands“ beschließt 

  • die Vereinigung mit dem „Spartakusbund“ und spricht sich für
  • die Gründung einer „Kommunistischen Partei“ aus. 

25.12.1918

Magdeburg * In Magdeburg wird durch Franz Seldte der Verband der Frontsoldaten - Stahlhelm gegründet. 

27.12.1918

München * In einem Aufruf fordern „Innenminister“ Erhard Auer [SPD] und „Justizminister“ Johannes Timm [SPD] zusammen mit weiteren 23 Unterzeichnern zur Gründung einer „Bürgerwehr“ auf.  

Die Münchner „Kasernenräte“ lehnen eine „Bürgerwehr“ ab. 

Stuttgart * In Stuttgart beginnt eine gemeinsame Sitzung der süddeutschen Staaten. Daran nehmen teil:

  • Kurt Eisner, der Ministerpräsident von Bayern,
  • Anton Geiß, der Ministerpräsident von Baden,
  • Wilhelm Blos, Ministerpräsident von Württemberg und
  • Carl Ulrich, Ministerpräsident von Hessen.

Die Initiative dazu geht vom badischen Ministerpräsidenten Anton Geiß aus. Der Sozialdemokrat ist ein entschiedener Befürworter des Föderalismus, nicht aber einer spartakistischen Revolution.

Wilhelm Blos aus Württemberg und der Carl Ulrich aus Hessen lehnen einen von Berlin aus zentral regierten Staat ab, sind aber für die Einheit des Deutschen Reiches.

Neben dem Kampf gegen den preußischen Zentralismus will Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner einen Süddeutschen Bund gründen, der das Deutsche Reich vom Süden her - gegen Preußen - und Berlin - reformieren soll.

Er will einen Separatfrieden schließen zwischen dem Süddeutschen Bund - unter Einschluss Deutsch-Österreichs - und den Entente-Mächten, dem dann alle deutschen Einzelstaaten beitreten könnten.

Im Prinzip ist man sich einige

  • mit der Neugründung des Deutschen Reichs auf föderalistischer Ebene,
  • in der Ablehnung des preußisch dominierten Zentralismus im Deutschen Reich und
  • dass schnellstmöglich Verhandlungen mit den Alliierten aufgenommen werden sollen, um ein deutliches Signal gegen Berlin zu setzen und in den Friedensbemühungen voran zu kommen.

Uneinigkeit herrscht in der Frage

  • nach Gründung eine Süddeutschen Bundes und
  • Eisners für Süddeutschland geplante Verstaatlichung der Schlüsselindustrie.

Eine Loslösung des Süddeutschen Bundes vom Deutschen Reich lehnen alle Beteiligten ab.

Während Anton Geiß, Wilhelm Blos und Carl Ulrich wollen keine Berliner Verhältnisse, Kurt Eisner wünscht dagegen Reichskanzler Friedrich Ebert eine Niederlage gegen USPD und den Spartakisten. An dieser Frage scheitern letztlich die Verhandlungen. 

28.12.1918

München-Graggenau * In ihrem Versammlungsraum im Hotel Vier Jahreszeiten werden 17 Mitglieder des Ausschusses zur Gründung einer Bürgerwehr festgenommen. Sie werden gegenrevolutionärer Umtriebe verdächtigt.  

Die meisten Verhafteten werden jedoch nach einem kurzen Verhör wieder entlassen. 

Stuttgart * Kurt Eisner reist am frühen Morgen verärgert von der gemeinsamen Sitzung der süddeutschen Staaten aus Stuttgart ab.

Die noch anwesenden Ministerpräsidenten Anton Geiß aus Baden, Wilhelm Blos aus Württemberg und Carl Ulrich aus Hessen verhandeln mit den bayerischen Innenminister Erhard Auer weiter.

Man einigt sich auf

  • eine Süddeutsche Kommission,
  • eine Blockbildung bei zukünftigen Ministerpräsidenten-Konferenzen und auf
  • den gemeinsamen Einkauf von Lebensmitteln im Ausland.

Die beschlossene Süddeutsche Konferenz wird nie zusammen treten. 

29.12.1918

München * Der „Landessoldatenrat“ lehnt die Bildung einer „Bürgerwehr“ ab.  

Kurt Eisners „Sekretär“, der Schriftsteller Felix Fechenbach, kündigt als Gegenmaßnahme die Gründung einer „Roten Garde“ an. 

Berlin * Die Vertreter der Unabhängigen Sozialdemokraten - USPD verlassen den Rat der Volksbeauftragten. Sie wollen Deutschland in Richtung eines einen Rätestaats verändern.

Dafür rücken zwei Vertreter der Mehrheitssozialdemokraten - MSPD nach. Es sind dies: Gustav Noske und Rudolf Wissell. 

Alleiniger Vorsitzender ist nun Friedrich Ebert, der sich für eine Wahl zur Verfassungsgebenden Nationalversammlung einsetzt. Das Deutsche Reich soll möglichst bald eine demokratisch legitimierte Regierung bekommen.

Berlin * Der „Spartakusbund“ beschließt die Trennung von der USPD und die Gründung einer eigenen Partei, die „Kommunistische Partei Deutschlands - KPD“

30.12.1918

München-Kreuzviertel * „Ministerpräsident“ Kurt Eisner lehnt im „Provisorischen Nationalrat“ die Bildung einer „Bürgerwehr“ ab.  

Er drückt sein Bedauern darüber aus, dass „Innenminister“ Erhard Auer [SPD] und „Justizminister“ Johannes Timm [SPD] als Regierungsmitglieder „unter irrigen Voraussetzungen“ einen Aufruf zur Gründung einer solchen Einrichtung unterzeichnet haben.  

Nachdem „Innenminister“ Erhard Auer von Ernst Toller mit Vorwürfen zur Gründung einer „Bürgerwehr“ konfrontiert wird, erklärt dieser, dass er weder über die Ziele noch über die Truppenstärke informiert war und nur die ordnungsgemäße Durchführung der Wahl sicherstellen wollte.  

Unter den gegebenen Umständen ziehen er und Minister Johannes Timm ihre Unterschriften unter dem Aufruf zurück.  

Auer bietet seinen Rücktritt vom Ministeramt an.  
Das lehnt „Ministerpräsident“ Kurt Eisner ab. Einen Erhard Auer außerhalb der Regierung erscheint ihm noch gefährlicher als ein Minister Auer. 

München * Vor dem „Ministerium für soziale Fürsorge“ demonstrieren Arbeitslose für die Erhöhung der „Arbeitslosenunterstützung“

München * In den „Kolosseums-Bierhallen“ haben sich einige Hundert „Internationale Kommunisten“ versammelt.  

Sie fordern

  • die „Bewaffnung des revolutionären Proletariats“,  
  • die „Sabotierung der Nationalversammlungswahlen mit Handgranaten“,  
  • die „Lynchjustiz am Erzbischof von München“, Michael von Faulhaber,  
  • die „Aburteilung von Erhard Auer und Johannes Timm durch einen Staatsgerichtshof“,  
  • den „Kampf mit den Waffen der Gewalt, nicht mit geistigen Waffen, selbst auf die Gefahr eines Blutbades mit toten Frauen und Kindern“

München * In der gut besuchten Versammlung der Frauengruppe der „Deutschen Volkspartei (Deutsche Demokratische Partei)“ sprechen die Referentinnen über  

  • die „Bedeutung des Wahlrechts für die Frauen in freien Berufen“ und  
  • die Aufgabe der nun zur politischen Reife gelangten „Lehrerin“, die die „Jugend im staatsbürgerlichen Unterricht auf die Wichtigkeit des Wahlrechts vorbereiten soll“

München-Ludwigsvorstadt * Im „Alten Hackerkeller“ treffen sich „Matrosen“ zu einer Versammlung.  

Der „Präsident des Soldatenrats“, Fritz Schröder, bezeichnet die derzeitige Lage als „einen Kampf auf Leben und Tod“ zwischen „Kapitalismus und Sozialismus“.  

Der „Obermatrose“ Conrad Lotter warnt vor „kopflosen Handlungen“ und verteidigt „Innenminister“ Erhard Auer und „Justizminister“ Johannes Timm für Ihr Eintreten bei der Bildung einer „Bürgerwehr“.  

Heftiger Widerspruch ist die Folge. 

München-Maxvorstadt - Washington * Im Hotel Kaiserhof verfassen US-amerikanische Bürgerinnen und Bürger eine Petition an den Präsidenten der USA, Woodrow Wilson, in der sie die baldige Einfuhr von Lebensmitteln nach Deutschland fordern.  

Außerdem sprechen sie sich für den Abschluss eines Präliminarfriedens [= Vorfrieden oder vorläufiger Frieden] aus. 

Berlin * Der radikale linke Flügel der USPD, der Spartakusbund, formiert sich auf einem Parteitag in Berlin zur Kommunistischen Partei Deutschlands - KPD. Der Parteitag dauert vom 30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919.

Obwohl Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht die Teilnahme an den Nationalwahlen empfehlen, lehnt dies der Parteitag ab. 

31.12.1918

München-Kreuzviertel * In seiner „Silvesterpredigt“ bezeichnet Erzbischof Michael von Faulhaber die „Regierung Eisner“ als eine „Regierung von Jehovas Zorn“.

München * In München sind im Monat Dezember 100 männliche und 139 weibliche Personen an der „Spanischen Grippe“ gestorben.  

Die Epidemie ist im Abklingen begriffen. 

München - Rom * Der Magistrat bedankt sich im Namen der Stadt bei Papst Benedikt XV. für die Spende von 5.000 Paketen Fleischkonservenbüchsen und Schokoladentafeln für die Münchner Armen. 




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